Die Prep-Therapie – anders als man denkt



Die Lage ändert sich jeden Tag, hat Angela Merkel gesagt. Sicher ist nur die Ungewissheit, so scheint es jetzt. Während die Parteien bedingungslos hinter der Bundesregierung zu stehen scheinen, obwohl inzwischen herausgekommen ist, dass Jens Spahn trotz frühzeitiger Warnungen des Personals zu wenig getan hat, um Deutschland auf die Krise vorzubereiten, wissen wir aus dem Untergrund, dass es nicht von Schaden sein kann, sich zu bevorraten.

Nicht nur Kuschel-Habeck warnt vor dem Massenkauf von Klopapier, auch meine Partei, die in letzter Zeit viel zu häufig den Grünen nachläuft, postet alberne Sharepics und schimpft auf die Papierhorter*innen. Habeck gräbt derweil in seinem Garten, liest vermutlich in dem Gartenbuch von Jakob Augstein und kann oder will sich nicht vorstellen, wie sich die inzwischen sprichwörtliche Alleinerziehende in ihrer Ein-Zimmer-Wohnung ohne Balkon fühlt.

Als Besitzerin einer Dachterrasse, ich mag es kaum noch verraten, um keine Neider anzulocken, bin ich nun privilegiert. Wenngleich in den kommenden Tagen mit einer Kältewelle zu rechnen ist, die mein Hobby „Graben“ verunmöglichen könnte, so bin ich doch frohen Mutes, was die kommende Ausgangssperre betrifft. Der Feldsalat ist angesät, auch habe ich eine kleine Schale mit Kokoserde gefüllt, worin Kresse herangewachsen ist. Diese streue ich neuerdings auf meinen russischen Schichtsalat mit dem blumigen Namen „Hering im Pelz“ - man muss nicht alles aus dem Osten ablehnen, nur, weil der ausgefuchste Putin die EU am Nasenring herumführt, so lange diese ihrerseits vor Erdogan kuscht.

Doch nicht nur das Ansäen hat mein Leben reicher gemacht. Ansäen ist immer ein Schöpfungsakt, die Pflanze ist im Samen bereits angelegt, auch hier spricht man von einem „Embryo“, der nach seinem in der DNA gespeicherten Programm je nach Umweltbedingungen besser oder schlechter heranwächst. Ansäen, wachsen, Pflanzen betrachten, selbst daran wachsen, das hat mich schon die letzten Jahre vor dem schlimmsten Kummer bewahrt und wird mich auch die Ausgangssperren, und welche Sperren da außerdem noch kommen werden, geistig gesund überleben lassen.

Das Preppen hat großes Glück in mein Leben gebracht. Vor kurzer Zeit noch ein Hobby für spinnerte Reichsbürger, fragen sich heute immer mehr Menschen angesichts der totalitär verunsichernden Nachrichtenlage – heute wird dies als Fake News hingestellt, morgen dann wieder das, und vor allem sind es die Opfer, die Machtlosen, denen man unterstellt, sie würden bewusst den Diskurs vergiften – ob es vielleicht besser ist, doch einen Vorrat anzulegen. Eine Maßnahme, wozu das Bundesamt für Bevölkerungshilfe und Katastrophenschutz übrigens schon länger rät. Vermutlich wurde ihnen dafür eine Nähe zum Rechtspopulismus unterstellt. Feuerwehrleute und THW, klar, durchsetzt von Nazis, denkt sich der Kreuzberger mit Weltbürgerhintergrund.

Nun scheint das Vorrat-Halten plötzlich nicht nur sinnvoll oder geboten, es macht vor allem Spaß und ist lehrreich. Zu allererst muss Platz geschaffen werden.

Ich habe kein Haus mit Keller, aber ein Regal. Dieses ist, ich gebe es zu, üblicherweise beim Umzug aufgeräumt worden. Da ich seit fünf Jahren nicht mehr umgezogen bin, hatten sich so einige alte Chilis in den hinteren Ecken versteckt. Auch war die Ordnung durcheinander geraten. Oder es hatte sich eine andere Ordnung eingestellt, eine Ordnung, die durch die Prioritäten der letzten Jahre gekennzeichnet war und durch ihre Undurchschaubarkeit mehr und mehr zum Chaos wurde. Es war nicht so, dass mein Regal gänzlich ungeeignet zum Kochen war, aber die Unordnung führte schlichtweg dazu, dass sich wenige Nahrungsmittel und Gewürze viel Platz nahmen, andere waren zwar vorhanden, aber nicht mehr aktiv verfügbar. Connection lost. Natürlich hatte sich auch der Schmutz in mein Regal eingeschlichen – ein ganz und gar unhaltbarer Zustand, der nun beseitigt ist.

Gewonnen wurden vorerst zweieinhalb Regalfächer, insgesamt stehen am Ende der Ordnungs-Herstellung vier für das Preppen zur Verfügung. Diese sind nach folgender Ordnung gefüllt.

Ganz unten befindet sich das Saft- und Milchlager. Hintergedanke ist, dass Saft und Milch am schwersten sind. Sollte es wider Erwarten in Bonn zu einem Erdbeben kommen, dann ist die Chance geringer, dass das Regal umstürzt. Das Saft- und Milchlager ist mit Mandarinen-, Vierfrucht- und Traubensaft aus dem Aldi gefüllt. Ferner vier Tüten fettarme Bio-H-Milch, da beim Aldi zurzeit keine Milch mit einem geeigneten Fettgehalt… Nein.

Ehrlichkeit ist in diesen Zeiten erste Pflicht. Tatsächlich ist bei Aldi die fetthaltige Milch zurzeit ausverkauft, aber der wahre Grund für meinen Fehler ist ein anderer. Ich leide an einem Freude-Lust-Abschuss-Problem, heißt, wenn ich etwas sehe, was mich beglückt, dann schaltet sich mein Gehirn für eine kurze Zeit ab und ich kann nicht mehr rational denken. Ich kaufe nie H-Milch, daher war ich im Aldi ungeübt und ließ mich von der schönen Verpackung und dem „Bio“ Versprechen verführen. Natürlich ist es Unsinn, fettarme Milch zu preppen, nur Vollfett genügt den Ansprüchen an eine kalorienreiche Ernährung. Möglicherweise habe ich für die fehlerhafte Milch bereits einen Abnehmer, man wird sehen. Ansonsten muss ich eben mit meinem Fehler leben, er ist nützlich, um mich für wirklich ernste Situationen zu trainieren.

Bevor das Erdgeschoss meines Regals zum Saft- und Milchlager wurde, war dort eine chaotische Sammlung von Rührgeräten, Schneebesen, Eisportionierer, Aufbewahrungsdosen mit und ohne Deckel, außerdem zwei Dosen mit Bambussprossen und weiterem Asia. Die Bambussprossen sind zwar 2016 abgelaufen, wurden aber erst einmal an einen anderen Ort verbracht. Die lose assoziierten Geräte der weiteren Essenszubereitung befinden sich nun wohlgeordnet im kurz vor der Corona-Krise erworbenen zweiten Küchen-Aufbewahrungsturm.

Aber zu diesem erst später – zurück zum Regal. In seinem zweiten Stockwerk befindet sich traditionell das Lager der Sättigungsbeilagen. Vor allem Nudeln sind dort seit Jahren untergebracht und werden regelmäßig erneuert, unterschiedliche Sorten Reis fristen dort seit längerer Zeit ein eher trauriges Dasein, denn an die Reiskocher-Benutzung habe ich mich noch nicht so recht gewöhnt. Ich hoffe, die Chinesen haben mit meiner Renitenz ein Einsehen. Ein Friedensangebot an sie wäre, dass ich nicht nur italienische, sondern auch asiatische Nudeln vorhalte. Regelmäßig erneuert und ebenfalls seit langem im Stockwerk der Sättigungsbeilagen angesiedelt ist Müsli. Eingesiegeltes Brot vom letzten Festival – man isst dann eben doch lieber Crèpes – rundet das traditionelle Sättigungsbeilagen-Angebot ab. Klar ist aber auch, dass gerade dieses Brot zuerst beseitigt werden wird, zumal es bereits abgelaufen ist und vermutlich ekelhaft schmeckt. Falls ein Leser es erhalten möchte – es handelt sich um griechische Pitataschen mit Tomate-Käse-Geschmack – bitte Kontaktaufnahme per E-Mail oder in den Kommentaren.

Herbei geschafft aus anderen Regalstockwerken wurden nun Linsen jeder Art. Dem Rigoristen stellt sich bei Linsen die schwere Aufgabe, sie in eine Kategorie einzuordnen. Aufgrund ihres vergleichbar niedrigen glykämischen Indexes und gleichzeitig hohen Eiweißgehalts sorgen die kleinen gesunden Scheiben für Verwirrung. Mithilfe von Ockhams Rasiermesser wurden die Linsen nun brutal bei den Sättigungsbeilagen eingeordnet, hoffentlich beschweren sie sich nicht bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Eh sind die Linsen nicht die verrückteste Randgruppe im zweiten Stock – am rechten Rand sind noch der urwüchsige Buchweizen und, ganz unpassend, nur aufgrund des Äußeren hinzugestellt, eine noch fast volle Tüte Hanfsamen.

Der dritte Stock ist die Teestube im Regalbauwerk. Hier musste mit dem Kärcher durchgegangen werden, so schlimm war es mit der Verwahrlosung. Von wegen drei Tage wach, die Teeparty lief seit einigen Jahren. Drunter und drüber war es hier gegangen. Schon vor der coronatischen Wende hatten die Tees an dieser Stelle gehaust. Wahrhaft typisch für das Chaos. Man glaubt es nicht, was der eigentlich friedliche und dem Kaffee doch eigentlich an Eleganz überlegene Tee in dem Regal angerichtet hatte. Nicht wenige der Beutel waren aus ihren Kisten gesprungen. Andere wiederum hatten eine eigene Packung ganz für sich alleine. Zwischendrin befanden sich Basilikumsamen – und ganz viele Keime.

Die Tütchen mit den Samen für das Keimgerät wurden aus ihrer fast symbiontischen Vereinigung mit den Teebeuteln einzeln evakuiert und in einem eigens hierfür hergerichteten Glas gesammelt eingeschlossen. Sie werden während der Einschließung durch die Bundesregierung wertvolle Vitamine liefern. Das können sie jedoch nur, wenn sie schnell griffbereit sind, im dritten Stock waren sie das nicht. Ernste Zeiten erfordern Ordnung, auch dort, wo gestern noch gefeiert wurde.

Der Tee nimmt nun nur noch die Hälfte des dritten Stocks ein, neben ihm zogen zwei Kaffeepakete ein, zusammengerückt wurde außerdem noch für getrocknete Aprikosen und Nüsse. Die sind gut fürs Gemüt und fürs Gehirn. Ich habe kein Netflix, dafür habe ich Nüsse.

Der vierte Stock: das Gerätelager. Tassen, Gläser und Schalen für die Einnahme von Essen und Trinken. Im Ein-Euro-Laden habe ich einen Plastik-Besteckkorb acquiriert, welcher nun etwa ein Drittel der Fläche einnimmt, die vorher für die Schalen, Gläser und Tassen genutzt werden konnte. Wenn der Platz knapp wird, einfach höher stapeln. Der höhere Flächenverbrauch wird durch den Zeitgewinn durch die neue Besteckordnung mehr als ausgeglichen. Man muss abwägen und in die Höhe denken.

Können ja auch nicht alle. Die Kreuzberger Grünen zum Beispiel, sie sind vielleicht schlichtweg zum Abwägen nicht bereit und bauen deswegen keine Hochhäuser. Oder sie hassen es, zum Himmel aufzusehen, weil sie gottlos sind und sich beim Heraufblicken jedes Mal unbewusst schämen. Wer kann das wirklich wissen? In meinem Prepper-Regal findet sich die Antwort auf jeden Fall nicht. Vielleicht in meinem Komposthaufen, aber das wäre eine andere Geschichte.

Steigen wir ins Obergeschoss, der zum Prepper-Himmel umgebaut wurde. Das Showreel, ein Triptichon, ja ein Pantheon des Preppings. Hier wird das ganze Glück noch einmal anders und harmonisch dargestellt. Während im Erdgeschoss eine eher strenge Ordnung herrscht, welche sich durch die gleichförmige Quaderform der Tetrapacks strukturiert, so findet sich im Obergeschoss eine bunte Vielfalt.

Die Tomatendosen sind auseinandergerissen, denn ihre Mindesthaltbarkeitsdaten unterscheiden sich. Ansonsten stehen Gleiche bei Gleichen, Dosen auf Dosen, Hering und Makrele, die Bohnen sind als ehrliche unterschichtige Prep-Utensilien zumeist hinten versteckt, nur eine ist nach vorne gerückt, damit sie nicht vergessen werden. Frech lugt die Bihun-Suppe hervor, in der Mitte jubilieren Mais, Ananas und Hühnerfond. Öl und Essig hoch im Hintergrund, sie haben es durch ihren Eigenwert nicht nötig, sich nach vorn zu drängen. Versteckt und doch nicht vergessen die hochwertigen lang haltbaren Osteuropäer Rote Beete, Rotkohl und Sauerkraut. Ganz im Hintergrund die Kichererbse, Rohstoff für Hummus, dessen Wert als Trägersubstanz für die Antidepressiva Chili und Knoblauch fast unbezahlbar ist.

Auf dem Regaldach dann die Übrigen. Salzvorräte, Kichererbsenmehl und Cantuccini. Das wars, mehr gibt es heute nicht, die Reise ist vollendet. Das Prep-Gebäude ist einmal durchschritten. Im Nebenregal eine große Gewürzsammlung, deren unschätzbarer Wert für die Zeit der Ausgangssperren und, gravierender, eventuell durchschnittenen Lieferketten hoffentlich nicht ermessen werden muss.

Zu beachten ist, dass man nun nicht zuhause verharrt und das mühevoll angelegte Lager leer isst, sondern sich weiterhin mit frischen Nahrungsmitteln aus den selbstverständlich wohl gefüllten Supermärkten versorgt.

Wenn man das beachtet, dann kann praktisch nichts mehr schiefgehen. Prepping macht Spaß und geistig gesund. Nur Spielverderber, die im Zweifel selbst gesichert sind, während wir, die kleinen Schafe, hungern müssen, hetzen gegen gegen dieses schöne Hobby. Wer Ordnung in sein Leben, Verzeihung, Regal bringen möchte, sei motiviert, es mir gleichzutun.

Es hat viel Spaß gemacht.

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