Frauen, die auf Frauen starren

Lange Jahre konnte ich den Frauenhass nicht richtig deuten: irgendwas lief schief. Erst der Klitoris-Streit mit Kadda. Sie hatte einen „Clitoris Pride“ ausgerufen, der mich als Opfer von rumleckenden Judo-Opas anekelte und triggerte. Natürlich kann man hieraus nicht folgern, dass die Klitorisfixierung der Feministinnen, welche mindestens seit den 70ern propagiert wird, falsch ist. Gewiss existieren Sexualmythen, die Frauen daran hindern, ihre Klitoris zu entdecken oder beim Geschlechtsverkehr richtig zu nutzen. Insbesondere in der Vor-Internet-Zeit gab es wenig explizites Lehrmaterial.

Allerdings könnte es auch ganz unkompliziert sein: wenn selbst Rechtsliberale wie Danisch die Existenz der Klitoris genau kennen, dann wird mir nicht ganz klar, ob das Problem wirklich das Unwissen über die Klitoris ist oder doch eher die Folge sexuellen Missbrauchs an der Klitoris oder eben ruppiger heterosexueller Sex in Duldungsstarre. Wer nichts will, kriegt auch nichts.

Wer nichts will, kriegt nichts

Und: das Gegenüber bemerkt natürlich, dass die Frau von anderen Männern kaputt gefickt wurde. Sehr wenige sagen was dazu, die meisten anderen nehmen das groovelose Geficke mit, sagen nichts und melden sich nie wieder, weil frigide Frauen nun mal kein Heiratsmaterial sind. Dritte sehen schon an den Augen oder merken sich nach dem Sex, dass hier eine billige und willige Frau, die sich leicht manipulieren lässt, verfügbar ist, und nutzen das so richtig aus. Danke 68 für eure vermeintliche Sexualrevolution, da habt ihr wirklich später nicht mehr gut drüber nachgedacht. 68 hat die Unfreiheiten der Freien Liebe zu reflektieren. Es ist kein Zufall, dass sich mein Hass besonders gegen 68 richtete. Doch das ist eine andere Geschichte, sie soll ein anderes Mal erzählt werden.

Als vergewaltigte Frau stehst du da, kannst keine Beziehungen mit Zukunft führen, wirst statt dessen von ruppigen Männern herumgeschubst und ausgenutzt, nimmst viele Drogen, um irgendwie gegen die Frigidität anzugehen und verhältst dich immer peinlicher. Zum Beispiel, weil einem von Konservativen Promiskuität vorgeworfen wird (Hallo Sven-Christian). Oder halt wegen der Drogen, die man nimmt, um sein Recht auf Sex umzusetzen. Und weil generell das Gehirn mehr und mehr zerhackt wird, wenn das Glücks-Sexhormonsystem ausfällt. Oder, weil alle anderen heiraten und man selbst einen Makel hat, von dem man selbst nichts weiß und für den man permanent bestraft wird. Und dieser Abend, als die kleine Drogenhändlerin aus Hoyerswerda mit drohender Stimme auf mich einredete, sie lese meine Tweets und daher wüsste sie genau, was mit mir los sei. Totalitär!

Rumsitzen beim Traumatherapeuten

Märchenhaft… man ist frigide und weiß davon nichts? Das kann passieren. Natürlich ist auch mir das passiert, ansonsten könnte ich darüber kein Zeugnis ablegen. Ja, ich hatte vergessen, dass ich beim Geschlechtsverkehr bestimmte klitorale Empfindungen hatte, so dass ich auch ihr Fehlen nicht bemerken konnte. Beim Traumatherapeuten saß ich rum und sagte: „Ich habe keine sexuellen Störungen“. Mein Nachteil und zugleich mein Vorteil nach der Vergewaltigung war, dass ich nach einiger Zeit einen wunderbaren Trick erlernte: es gibt noch andere sensible Stellen. Mit dem von den 70er Jahren bis heute propagierten Klitorisgerubbel konnte ich hingegen wenig anfangen. Die Feministinnen mit ihrem Klitoriswahn richten sich also gegen eine bestimmte Gruppe vergewaltigter Frauen.

In der Dritten Welle kommen weitere Probleme hinzu, die Welt wird platonisch in die Sprache transformiert. Jeder Ausdruck in der Sprachwelt hat eine Entsprechung im Realen. Während Alice Schwarzer das Wort Frigidität noch in den Mund nimmt, hört man davon von den in unserer Leistungsgesellschaft performenden Jungfeministinnen wenig. Im Netz wird ein Kampf inszeniert, der auf kurze Sicht Spaß macht, ja befriedigend ist und so einen möglichen Orgasmus-Mangel für kurze Zeit zu lindern vermag. Twitter-Orgasmen sind wie Papier essen, um dünn zu bleiben. Süßigkeiten, um satt zu werden. Süßstoff. Ein kurzes Macht-Feuer, das traurig macht, weil die Macht nur vorgetäuscht war.

Nun hat Jungfeministin Carolina Schwarz einen bemerkenswerten Artikel verfasst, in dem sie der Schauspielerin Gwyneth Paltrow unterstellt, nichts von Sex zu verstehen, weil sie die falschen Worte nutzt.

Auch US-Schauspielerin Gwyneth Paltrow hat nicht sonderlich viel Ahnung von dem „da unten“, also der weiblichen Anatomie. In einer Folge ihrer neuen Netflix-Dokuserie „The Goop Lap“ (einer neoliberalen Selbstoptimierungsendung, die nur dafür da ist, um für Paltrows Firma „Goop“ zu werben) erzählt Paltrow lang und breit über die Vagina. Das Problem: Sie meint eigentlich die Vulva.
Schließlich wird sie von Betty Dodson einer 90-jährigen Feministin, die seit Jahrzehnten Workshops über weibliches Masturbieren gibt, unterbrochen: „Die Vagina ist nur der Geburtskanal. Wenn du über die Vulva sprechen willst – das sind die Klitoris, die inneren Schamlippen und der ganze gute Scheiß drumrum.“ So einfach ist das nämlich. Spätestens im Jahr 2020 sollten nicht nur Netflix-Serien, sondern auch die Gesellschaft in der Lage sein, die Dinge beim Namen zu nennen.

So so. Isch mach dich gleich Namen, Baby. So einfach ist das. Das Problem des Patriarchats ist also, dass Vagina anstatt Vulva gesagt wird. Und die böse böse Gwyneth Paltrow ist nun eine Trägerin des Patriarchats, weil sie den Geburtsfetisch vorantreibt und wollüstiges Klitoris-und-innere-Schamlippen-Gereibe verhindert. So weit sind wir also gekommen mit der Verbalisierung von Sex. In der Postmoderne wird alles über die Sprache erklärt. Das macht es leicht, ein vermeintliches Problem zu erkennen. Schon die 70er-Jahre-Feministinnen machten Sitzkreise, in denen sie sich mit Spiegeln in die Vagina, Verzeihung, Vulva schauten und „Worte fanden“. Der Feminismus hat die persönliche Aufarbeitung politisiert, die Neuprogrammierung der eigenen Vulva wird vom Privaten ins Öffentliche gezerrt, als politisches Programm verkauft und für bestimmte politische Interessen genutzt.

Das Internet ist dafür einfach nur geil. Der digitale Diskurs ist nicht nur kräftiger und emotionsgetrieben, sondern auch durch ein Freund-Feind-Schema gekennzeichnet. Es kommt im Internet schneller zu Missverständnissen, Leute werden aufgrund Zeitmangels und Dummheit unter anderem mithilfe ihrer Sprache gelabelt und in eine Ecke gestellt. Mich haben die Grünen aufgrund meiner Sprache übrigens in die Nazi-Ecke gestellt. (Ich bin SPD-Mitglied. Früher war ich linksgrün wie Greta Thunberg…. Aber das ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll.)

Trauma-Extremismus

Insbesondere Traumatisierten gelingt es nicht immer, sich aufgrund der Wut über das erlittene Unrecht an die Benehmens-Regeln zu halten. Aufgrund der sich zuweilen bei Traumatisierten zeigenden harten Sprache kann es passieren, dass Traumatisierte aus linken Strukturen ausgeschlossen werden, sie werden für das erlittene Unrecht ein zweites Mal bestraft und zwar nicht von einem Vergewaltiger, der auf der anderen Seite von Gut und Böse steht, sondern von ihrem eigenen Umfeld. Ein gutes Beispiel für traumatisierte Frauen ist die Protagonistin von „Nymphomaniac“. Traumatisierte werden aus der Welt ausgeXt, weil sie nicht sein sollen. Trauma gibt einem einen extremistischen Anstrich. Vielleicht wurde mir bei einer Bundesbehörde in der Probezeit gekündigt, weil ich den Anschein einer Extremistin hatte.

Im Feminismus, wo Vergewaltigungsdebatten eine große Rolle spielen, ist das Problem offensichtlich. Traumatisierte Frauen werden gerne als Fußvolk für feministische Kämpfe ausgenutzt, ihre Sichtweisen werden von den führenden Feministinnen, die ihre Traumatisierung bereits überwunden haben oder keine mitbringen, jedoch unsichtbar gemacht. Dieses Unverständnis und die mangelnde Hilfsbereitschaft ist verletzend. Führende Feministinnen sollten vielmehr Expertinnen im Bereich Trauma sein, was zu besseren Texten, zu mehr Hilfe und letztlich zu einer schnelleren Beseitigung der gewalttätigen Zustände führen würde.

Der nächste Tweet im Gut-Böse-Schema

Probleme bei der Arbeit durch Vergewaltigung werden durch den Feminismus kaum bearbeitet, auch institutionelle Aspekte, wie ich sie inbesondere während meines Engagements im Sportbereich erlebt habe, werden selten diskutiert. Vielmehr wird mehr oder weniger oberflächlich rumgeheult, wie schlimm alle Männer doch seien, dass alle Männer Vergewaltiger sein können (falsch) und dann der nächste Tweet im Gut-Böse-Schema verfasst. Hilfreicher als das „Yes all Men!“ Gequatsche für Opfer institutioneller Sexualgewalt sind die Aufarbeitungen der Jesuiten oder geschlechtsneutrale Körpertheorien wie die von Michel Foucault.

Diese Anliegen habe ich mehr oder weniger freundlich gegenüber Margarete Stokowski vorgebracht. Stokowski propagiert denselben Untenrum-frei-Müll wie die 70er-Jahre-Feministinnen und gibt außerdem Sextipps, die nicht für alle nützlich sind. Ich will mal von fern unterstellen, dass sie ihren Körper unter Kontrolle hat und ihr Trauma überwunden. Dann verstehe ich allerdings nicht, warum auf eine derartig oberflächliche Weise im Netz und auf Totholz gehetzt wird, anstatt Vorschläge zur Lebensverbesserung anderer Frauen zu machen, die mit ihrer Aufarbeitung noch nicht so weit sind.

Mit falschen Tipps viel Unheil anrichten

Aber, aber Julia! Hast du nicht gerade gesagt, dass es nicht richtig ist, sich in die Traumatisierungen, ja in das Sexualleben anderer Leute einzumischen, weil man aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen gar nichts über andere sagen kann und im Zweifel mit falschen Tipps noch mehr Unheil anrichtet?

Zum Einen ist hier die Machtfrage zu reflektieren. Ich bin jetzt unten, Margarete ist oben. Zum Zweiten mokiert sich Margarete gern über bestimmte Leute und unterstellt politische Zusammenhänge, deren Gültigkeit für das Private angezweifelt werden kann. Jeder hat natürlich seine eigene Vorgeschichte und ich kann es einer katholisch geprägten Person eigentlich nicht verübeln, dass sie sich besonders gegen die katholischen Ausflüsse des sexuellen Missbrauchs stellt. Als ungetaufte Kryptokatholikin und Verehrerin des jesuitischen Missbrauchsfighters Klaus Mertes SJ finde ich es allerdings komplett inakzeptabel, mit dem Finger auf die Konservativen zu zeigen, während linksgrüne Vergewaltiger frei herumlaufen dürfen und mit geschlechts-sensibler Sprache ihre Feminismustauglichkeit beweisen dürfen.

Hegemonietheorie im Privaten

Auch wegen dieser abweichenden Meinung hat man mich in die rechte Ecke gestellt. Viele Grüne, insbesondere jene, die der Hegemonietheorie anhängen, haben mit mir geredet, als wäre ich ein Nazi. Die Feministinnen bezeichneten mich schon 2008 als „Antifeministin“. Es wäre schön, wenn man komplexe Fragen mit einfachen Antworten erledigen könnte. Die komplexen Verhältnisse erscheinen einfach. All men! Die Feministinnen geben vor, dass sich die Probleme mit „Only yes means yes“ und der Zerschlagung des Alten lösen lassen. Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.

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