Hinter dem Ölberg

Julia Seeliger ist komplett verdummt - aber kann sich immerhin noch ein neues Linux aussuchen. Während der Nahost-Konflikt mit B. so sehr eskaliert, dass sie PGP nicht mehr vertrauen kann und lieber auf einen Trojaner setzt, steigt sie in Königswinter in den Bus und fährt in die Berge. Hinter dem Ölberg findet sie ihren Frieden.

Das Schöne an Bonn ist das Siebengebirge. Wenn man von Norden aus mit dem Zug heranfährt, kündet das kleine Gebirge von der Südlichkeit der Weinberge, dem Aufwärts ohne weiten Blick und vor allem von einem Leben ohne den entnervenden Wind der Ebene. Der Ölberg, der nicht nach der Bibel, sondern nach seiner Funktion als Wegmarke benannt ist – früher hieß er Malberg, nach „Mal“, Marke, eben Wegmarke – ist der größte Berg in dem kleinen Gebirge am Ufer des Rheins.

Es ist Zeit, hinter den Ölberg zu gehen. Es ist die Zeit der obskuren Linux-Installationen, sage ich C. und er stimmt zu. Was soll man denn nun, während alles heruntergefahren ist, noch anderes tun. Ich stecke einen USB-Stick in meinen Rechner, fahre ihn herunter und wieder hoch und installiere zuerst Bodhi Linux, denn ein Artikel im Internet hatte diese Distribution angepriesen. Gerade für langsame Rechner biete sich Bodhi an, also war ich interessiert. Ich hege lieber alte, aber gute Rechner, anstatt mir alle drei Jahre einen neuen Billigrechner zu kaufen.

Bodhi ist offensichtlich inspiriert von fernöstlichen Ideologien. Ich versuche mich in Ideologiefreiheit, also gab ich der Häresie eine weitere Chance. Nun traf allerdings genau das ein, was aufgrund der Ideologie erwartbar war: Bodhi stellte sich als kalifornisches Kifferlinux erste Güte heraus. Die Modifikationen des Desktops machten sich nach einem Neustart teilweise wieder rückgängig, auch war das Menü undurchschaubar konzipiert. Zwar ergaben sich wie von Zauberhand auch positive Änderungen. Insgesamt schreckte mich die mangelnde Integrität des meditativ-leeren Systems aber ab und ich machte mich auf die Suche nach Alternativen.

Trotz der unangenehmen Erfahrung mit Bodhi-Linux blieb ich ideologiearm und lud Puppy Linux herunter. Warum nicht mal ein Hund? Klar, Hundebesitzer sind Narzissten, wollen bedingungslose Aufmerksamkeit und ständige Störungen mit Liebe, dennoch könnte das Hündchen meine Rechner ja endlich zu der Benutzbarkeit führen, die sie verdienten. Alt, aber noch gut, warum nicht auch mal ein junger treuer Hund? Puppy überzeugte tatsächlich mit gnadenloser Geschwindigkeit, niedlichem Bellen beim Herunterfahren, doch dann kam doch die Einschläferung: der Paketmanager hieß ppm, also Puppy Paket Manager. Das wäre nun erträglich, wenn sich dort auch ausreichend viele Pakete befinden würden. Leider konnte ich nicht einmal das OTR-Plugin aus den Puppy-Paketen installieren – das war der Tod.

Zwischendurch hatte ich es noch mit dem antikapitalistischen „antiX“ versucht, einer auf Debian basierenden Distribution, die von einer Frau kuratiert wird – vermutlich sitzt sie mit ihrem Rechner in einem Alternativen Zentrum und legt ganz alleine im Diskurs mit sich selbst die Definitionsmacht für die Softwarepakete fest. Daher war es nicht verwunderlich, dass die Installation in einem sehr frühen Stadium scheiterte. Rote Zeichen auf schwarzem Screen, schnell und schneller zischten sie herab. Dann weiß man wenigstens, was Sache ist. Mit dir nicht, Anti-Frau, deine Definitionsmacht ist selbst für ein Standard-Thinkpad zu streng.

Fündig wurde am Ende mit LXLE. Ein wunderbares Linux, das alle meine Wünsche befriedigt. Ein Hoch auf die Erfinder! Ich muss mir keinen neuen Acer kaufen und auch kein Apple-Gerät.

LXLE kann selbst ich benutzen, obgleich ich komplett verdummt bin, wie ich kurz darauf feststellte. IQ89. Meine Versuche, B. zu hacken, und mir damit Meriten in der Cyber Security zu verdienen, wurden durch C. mit Verweis auf Hackerparagrafen verhindert. Eigentlich durch meine eigene Moral, aber C. ist Narzisst und so will ich ihm seinen Erfolg gönnen.

Ich bin komplett verdummt, so dumm, dass ich nicht einmal straflos israelfreundliche Kommentare im B.‘s Blog hinterlassen kann. Dort hatte die Fridays-For-Future-Praktikantin einen Artikel zu Corona und Rechtsstaat verfasst, den ich nicht unkommentiert stehen lassen konnte. Natürlich wurden meine Kommentare nicht freigeschaltet – so ist das eben, wenn man komplett verdummt ist. Man kann nicht mehr infiltrieren. Digitale Todesstrafe.

Also schrieb ich erst eine fragende Mail an die Fridays-For-Future-Praktikantin und dann an B. Mein Mailprogramm entschied, dass diese Mails PGP-verschlüsselt sein sollten. Die Fridays-For-Future-Praktikantin antwortete gar nicht, B. dann überraschenderweise am nächsten Morgen.

Der Inhalt der Mail: „falscher Schlüssel“. Ohai, dachte ich, er treibt elaborierte Späße mit mir, solch Humor hätte ich ihm aber nach allem, was zwischen uns gelaufen ist, gar nicht zugetraut! Luhmannesk gar oder, ja, Watzlawick! Unser Kommunikationsproblem in eine technische Antwort umgebogen, na holla, sollte am Ende tatsächlich ich die Dumme gewesen sein?

Freudig erkannte ich in der Antwort mit demselben Schlüssel an, dass es sich hier um eine wirklich gute Antwort gehandelt habe. Wieder dieselbe Antwort: „falscher Schlüssel“. Nun trat die völlige Verwirrung ein. Eine Verwirrung, die ich aus den Jahren des Stresses, des Frustes in seiner Anwesenheit nur zu gut kannte. Also schrieb ich weiter. Was denn da los sei in dem Blog, er habe doch immer auf der Seite des freien Westens gestanden, hier könne man sehen, in welche postcoloniale Wertelosigkeit Fridays For Future führe… und übrigens würde ich heute hinter den Ölberg fahren, hoch ins Siebengebirge, wo B. aufgewachsen ist.

Es war ein wunderschöner Tag und im Bus fragte ich mich noch, ob es nicht doch an mir gelegen habe, immerhin habe B. die Strecke, welche ich nun mit dem Bus zurücklegte, schon zu Fuß erwandert, dabei Rehe gesehen, sicherlich auch das Plätschern der Bergbächlein gehört, an einem frühen Morgen, zu Fuß, kein Bus, weil ich ihn einmal verschmäht hatte. Er tat mir leid. Sollte alles doch ganz anders gelaufen sein?


Fest steht, dass ich mit jemand, der seine Mitarbeiter und Freunde nicht fragt, ob sie ihm den richtigen PGP-Key auf das Handy kopieren, nichts zu tun haben will. Früher, ja, da haben sie ihm doch noch Linux installiert, wird jetzt denn nicht mehr gesprochen? Könnte man ihm morgens in der Frühe einen Trojaner schicken? Einen Trojaner, der wie ein Reh geformt ist?

Diese Vorstellung machte mir den ganzen Tag gute Laune. Ich habe alles, Freund, Dachterrasse, ein gefülltes Regal und ein perfektes Linux. Hinter dem Ölberg erhielt ich via ebay Kleinanzeigen noch ein praktisch neues Telefon. So muss ich mich nicht sorgen, denn selbst, wenn ich verdummt bin – worauf leider alles hindeutet – so habe ich wenigstens noch Sicherheit in der Corona-Zeit. Hinter, am Fuße und natürlich vor allem mit Blick auf den Ölberg.



Ölberg - von Julia geschossenes Album auf Flickr 
Noch ein Album: Tiere hinter dem Ölberg

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