Jeder nur ein Blatt

Von Julia Seeliger

Klopapier horten und Bananenbrot backen – zwei Seiten einer irrationalen Medaille. Die harten Fragen sozialer Gerechtigkeit berührt wohl eher die Klopapierdebatte, denn sie ist eine Schichtendebatte. 


Doch darum wird es in diesem Blogartikel nur am Rande gehen, denn diese Debatten werden erst mit der Rezession an Fahrt gewinnen. 




Die Coronakrise löse ich für mich sehr leicht – immer nur ein Blatt. Erstaunlich, wie lange eine Rolle Klopapier halten kann, wenn man sich ein bisschen zusammenreißt und weniger abreißt als gewohnt. Meine Gäste weise ich auf diese Vorgehensweise hin, auch in der Schlange vor dem dm habe ich damit schon Normies geschockt. Sollen sie sich doch schämen, wenn sie mich auf die lächerlichste Corona-Debatte schlechthin ansprechen.

Der DGB postet derweil Fridays-For-Future-Content, anstatt sich für die kleinen Schafe einzusetzen, die wie zu jeder anderen Zeit jeden Tag zur Arbeit fahren müssen. Es sind nicht nur die so genannten „systemrelevanten“ Arbeiter, die ran müssen. Auch im juristischen Bereich muss weiter gebuckelt werden, um es dem Schäfer rechtzumachen. Doch an die denken die feuilletonistisch vernebelten Social-Media-Manager und Öffentlichkeitsarbeitstanten beim DGB nicht, sondern halluzinieren davon, dass alle im Home Office sitzen und Deutschland demnächst oder irgendwann „wieder hochgefahren“ wird. Das ist unsolidarisch.

Da ich jedoch mittlerweile zu abgestumpft bin, um meine ver.di Mitgliedschaft zu kündigen oder auch nur eine empörte E-Mail an den DGB zu richten, nehme ich dieses postmoderne Verhalten unserer Gewerkschaften ohne Murren hin. Es werden auch wieder bessere Zeiten kommen, da bin ich mir sicher, wenn die Leute erst einmal den Unterschied zwischen SPD und Bündnis 90/Die Grünen begriffen haben. Zuallererst die SPD.

Abstumpfung ist gut. Daran ist natürlich nicht die SPD schuld. Ich bin Mitglied der SPD geworden, um dort auf normale Menschen zu treffen, und das hat sehr gut funktioniert. Eine Partei, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt und in der normale Menschen aktiv sind, potzblitz, das ist ja ganz anders als bei den Grünen. Ich hatte immer den Verdacht, dass sich die Krebspartei nicht für soziale Gerechtigkeit einsetzt, doch sie haben diese Lüge allzu geschickt in einem Grundeinkommen versteckt. Schon während Hartz IV hatten sie sich verpisst und die SPD alles alleine machen lassen.

Nun in der Krise kommen diese Erinnerungen wieder hoch. Die ollen Krebser halten‘s Maul, während sich Saskia Esken für eine Vermögensabgabe durch die Reichen einsetzt. Von den Grünen hingegen: kein Kommentar. Da sieht man es. Üble Egoisten. Passenderweise ist die Umfrage auch endlich wieder mit Tendenz abwärts. So haben wir sie gern, nur Reiche, Schüler und Studenten als Wähler, wenn es nach mir geht, dann bleibt das auch so.

Aber eigentlich bin ich ja abgestumpft. Ich reiße ein Blatt nach dem anderen von meiner Klopapierrolle, wühle mich durch Stellenausschreibungen und pflege meine Chilis. Es ist nicht leicht, wenn alle Vorstellungsgespräche abgesagt sind, schwer aber wiederum auch nicht so sehr, denn dann kann ich noch eine Weile spazieren gehen und mit meinem neuen Freund fernsehen.

Nicht allen fällt der Umstieg auf die Kriegs- Verzeihung, Coronawirtschaft leicht. Symbol hierfür ist nicht das Klopapier, sondern das Bananenbrot. Warum denn nur die ganzen Bananenbrot-Rezepte im Social Web und auf dem Tagesspiegel, habe ich mich gefragt? Im Aldi gibt es doch jeden Tag bis 20 Uhr am Abend eine reichhaltige Menge Brot zu kaufen, wenn das „Frisch“ Brot ausverkauft ist, dann kann man sich weiter am Tütenbrot bedienen? Und jeder, der „We feed the world“ gesehen hat, sollte wissen, dass es bis zu einem Brotmangel noch lange hin ist?

Die Antwort ist simpel: im Home Office ist es langweilig. Todlangweilig. Seit Jahren auf 9to5 und 5/7 konditioniert, wissen die Menschen nichts mehr mit sich anzufangen. Wenn sie ihre Wohnung geputzt und alle Updates im Smartphone fünfmal gecheckt haben, dann beginnen sie, wahnsinnig zu werden. Sie müssen etwas mit den Händen machen. Sie wollen selbstwirksam sein. Also backen sie Brot.

Jeder nur ein Blatt.


Bild: Scheiße! 295/365 von Dennis Skley | CC-BY-ND

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