Aufgezopft

Die kleinen Freuden zählen. Endlich muss ich meine Haare nicht mehr nervös zwischen den Fingern drehen, sondern kann sie praktisch zu einem Zopf zusammenflechten. Der Zopf fühlt sich kühl und glatt wie eine Kordel an und ist Kennzeichen meiner Weiterentwicklung. Jahrelang habe ich Judo gemacht und konnte mir keine vernünftige Sportfrisur machen, weil meine Haare nie so lang waren, dass ich mir einen Zopf hätte flechten können.

Ray zog mich damit auf, dass er meine notdürftig zusammengebundenen mittelkurzen Haare als „Fick-Mich-Palme“ bezeichnete und er ist wohl einer von wenigen, denen ich diese Frechheit nicht übel nehmen kann. Ich betrachtete mich und die Fick-Mich-Palme beim Aufwärmen im Spiegel, lachte und sah das Aufwärmen schon als Aufwärmen für später. Aber das Gute aus dieser Zeit habe ich selbstverständlich durchgehend vergessen, so dass ich keine weiteren Auskünfte zu diesem Sachverhalt geben kann.

Doch endlich – der Zopf. Die Geschichte meiner Haare ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Kommen sie nun mehr nach der Familie meines Vaters oder nach der meiner Mutter? Etwas, was in gestörten Familien nicht abschließend geklärt werden kann, da, wenn, nur noch in unzusammenhängenden Wortfetzen gesprochen wird. Auch kann ich als Kind der 80er von zahlreichen schmerzhaften Haarschneide-Sessions berichten – Mädchen sind Jungs und Jungs sind Mädchen. Mein Bruder bekam Puppen und ich natürlich kurze Haare.

„Ich kenne keine erfolgreiche Frau mit langen Haaren“, sagte Anna mal. Hintergrund ihres Gedankens war sicher, dass lange Haare mehr Pflegezeit erfordern und somit vom effizienten Karriere-Tag abgezogen werden müssen. Eine Überprüfung ihrer These steht im Übrigen noch aus, sie wird sich, so die Forschungsvermutung, nicht erhärten lassen.

Ebenfalls zweifelhaft und spätestens seit Greta Thunberg überholt scheint die von der Amadeu-Antonio-Stiftung in die Welt gebrachte These, dass Kinder mit zwei Zöpfen am besten automatisch einer Gesinnungsüberprüfung unterworfen werden sollten, um die völkischen Siedlungen zu boykottieren, Verzeihung, um eine eventuelle Zugehörigkeit der Kinder zu Familien völkischer Siedler feststellen zu können.

Denn die singen und stampfen nicht nur in ihren Scheunen, wie Andreas Speit ausgekundschaftet hat, sondern erziehen ihre Kinder auch zum Antisemitismus, den es in anderen Kreisen selbstverständlich nicht gibt. Ob auch ein Bauernzopf verdächtig ist, ist der inzwischen legendären Broschüre, die ursprünglich für Kindergärtnerinnen gedacht und durchaus gut gemeint war, nicht zu entnehmen.

Mein Zopf erregt hoffentlich nicht den Ärger der Stiftung, ist es doch mein Ziel, mich in Zukunft mit weniger Leuten zu zerstreiten und mit mehr zu vertragen. Sollte der Zopf dieser einfachen Kosten-Nutzen-Rechnung widersprechen, dann werde ich ihn fraglos wieder entfernen müssen und mich, so wie viele andere Mittvierzigerinnen, mit einer praktischen Kurzhaarfrisur schmücken müssen. Hiermit lässt sich auch eine Beziehungskrise vorzüglich unterstreichen.

Je häufiger Schluss ist, desto häufiger werden die Haare geschoren, so die erstaunlich passende Faustregel. Vielleicht soll die verschwundene Hand des Liebhabers getilgt werden, die eben noch zärtlich durch die Haare fuhr. Unerträglich seine Ferne, unendlich der Schmerz… ich weißle, ich weißle, spricht schon Barblin in „Andorra“ und wenngleich sie sich am Ende des berühmten Theaterstücks von Max Frisch ihre Haare nicht selbst geschoren hat, so ist es manchmal eben nötig, das Schlechte zu übertünchen und den alten Zopf abzuschneiden. Und wenn das Leid dann vorüber ist, kann frau ihn langsam wieder hochflechten.


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