Ein Sommer, wie er früher einmal war

Sonne und zarter Regen, Wolken wie Schiffe am blauen Himmel – maritimes Wetter. Eben noch saßen wir an der Endhaltestelle der 9 in Köln-Königsforst, die vor langer Zeit für die Ausflügler erbaut wurde. Als wären wir gerade von einem Festival heimgekommmen. Eine sanfte Müdigkeit umschwebt mich schon den ganzen Tag und jetzt erst recht. Festivalendsonntag. Wenn man sich mal so richtig ausgefeiert hat.

Viele Freunde beklagen in der Coronazeit, dass ihnen der Bass und das Freiluft-Tanzen fehlen. MDMA, LSD, Kokain und Speed, das Zelt und den Hochleistungs-Proviant (Geld, Drogen und Müsliriegel) eingepackt und heraus auf die Wiesen. Techno, tanzen, ballern. Bass, Bass, gib mir Bass! Ein Lifestyle, an den man sich gewöhnen kann.

Da rutscht man dann eben so rein. Als Jugendliche war mein Geschmack „jede Musik außer Techno und Hip Hop“. Und auch bei meinem ersten Bundeskongress der Grünen Jugend betrachtete ich noch befremdet die sich in der Mitte des Musikraums befindlichen Hardcore-Feier-Funktionäre, die völlig ungerührt der Tatsache, dass sie, geschätzt fünf Prozent der Anwesenden, einen Veitstanz aufführten und auf einer ansonsten leeren Tanzfläche zu Techno abhotteten.

Es kann ganz unterschiedliche Gründe geben, warum sich mein Geschmack geändert hat. Trauma, klar. Techno wurde von Vietnamveteranen erfunden und ist in Detroit und zur Wendezeit in Berlin groß geworden. In der Wendezeit gab es viel Stasi- und deutsches Kriegstrauma schlechthin abzufeiern und das war sicher auch gut so. Friede, Freude, Eierkuchen. Auch in Israel sind mit Drogen kombinierte bassige Beats sehr beliebt. Irgendein Trauma ist ja immer.

Der Krieg in uns allen, der Krieg gegen dich! Irgendwann muss die Party doch mal zuende sein. In der Stadt, die niemals schläft, in Berlin, da ist die Party nie zuende. Politik, Party, Psychopathie – der Berliner Dreiklang.

Angepasst an die Zustände – „die einen halten die Stadt aus, die anderen nicht“ sagte eine Kollegin mal – habe ich mich unter anderem mit Drogen. Ich rutschte über die Grüne Jugend rein. „T wie Tütenpause“ hieß es beim Bundesausschuss der Grünen Jugend, garniert mit dem T-Handzeichen aus der Telekom-Aktien-Werbung. Kiffen war cool und kaum jemand hat sich in kurzer Zeit besser an diese Leute angepasst als ich. Zum postmodernen Jahreslauf gehörte auch die Fusion und andere Techno-Festivals. „Ferienkommunismus“ hieß das, als würde der Kommunismus daraus bestehen, sich mit Drogen dumm zu machen.

Einer, der später als Dealer aufflog, brachte zum Vorglühen in Kreuzberg Ecstasy-Pillen für die Parties mit. Fleißige Funktionäre müssen fleißig feiern. Wir waren bestimmt schlechte Vorbilder für die Jugend. Es war eine wilde Zeit.

Der ach so coole Drogenkonsum hatte Auswirkungen auf meine Leistungsfähigkeit innerhalb der Partei. Auf der einen Seite hat er mir geholfen, die zahlreichen Widersprüche auszuhalten, die sich als Mitglied einer Partei nun mal ergeben. Parteien gelten nicht umsonst als Mördergruben. Da wird viel gelästert. Und gemobbt. Im Parteirat lief es noch gut, Informationen wurden weitergegeben, Strategien wurden besprochen, die Europaliste vollgemacht, ein linkes Wahlprogramm geschrieben. Klar musste ich eliminiert werden.

Aber ich habe es mir auch selbst schwer gemacht. Jobs nicht erledigt, mich in Streitigkeiten zu sehr hineingeworfen und Jagdgründe betreten, die andere für sich bereits eingenommen zu haben glaubten. In solch gefährlichen Umständen waren Drogen einfach nicht hilfreich. Ich wurde unaufmerksam, habe nichts mehr erledigt und habe die Hoffnung auf eine schöne Zukunft irgendwann aufgegeben.

Eine Freundin, genauso alt wie ich und bereits Professorin, sagte mir mal, sie meine, ich hätte ja auch viel erreicht. So etwas wie diese Berliner Zeit hätte sie während ihres Aufstiegs in der Wissenschaft nicht erleben können. Darauf sei sie neidisch.

Bis mir diese Aussage nicht mehr wehtut, wird es wohl noch ein bisschen dauern. Als Grünen-Junkie, als postmodernes Wrack habe ich Jahre verschenkt – und Jahre gebraucht, bis ich mich erholt habe.

Manche schaffen das nie, die finanziell Erfolgreichen unter Ihnen werden postmoderner Junkie-Journalist – erkennbar daran, dass sie ständig „scheiße“ sagen – oder Junkie-NGO-Mitarbeiter. Die drogenbedingte Dünnhäutigkeit hilft ihnen, hinter jeder Aussage eine Diskriminierung zu erkennen und ihren Job so mit noch mehr Herzblut erledigen zu können. Innere Ruhe ist für Tätigkeiten mit Social Media Bezug eh nicht mehr unbedingt erforderlich, dafür schnelle Reaktionen, holzschnittartige Zuspitzungen und viel Wut. Dass der Junkie-Arbeiter seine Arbeit 24/7 erledigt, weil er ja eh nie runterkommt und auch im Feierabend „betroffen“ ist, nützt den Projektförderern und ist Ausdruck eines schönen neuen Kapitalismus.

Ich habe das mit der taz durch. Bis zum Ende habe ich noch wirklich gute Texte geschrieben. Auch am Wochenende habe gern gearbeitet und bin damit meinen Kollegen auf die Nerven gefallen. Sonderlich viel habe ich von dem Stress nicht mitbekommen, auch nicht von der Ablehnung der Anderen.

Das war keine schöne Gesellschaft.

Du kannst als Kiff-Junkie fit für den Kapitalismus sein, aber das ist nicht nachhaltig. Du kennst keine Zukunft mehr. Irgendwann kommt der Burnout.

Wenn du erkennst, was du tust und dich fragst, was du da eigentlich tust. Wenn du irgendwann süchtig bist. Ein Junkie zu sein ist mehr Zeitverschwendung, als einen Facebook-Account zu besitzen. Viele Kiffer können ohne Gute-Nacht-Joint gar nicht mehr einschlafen. Die Angst vor der Schlaflosigkeit hält so manchen davon ab, mit dem Kiffen aufzuhören. Junkies schieben die Lösung ihrer Probleme auf, sind disziplinlos und haben die Hoffnung auf eine schöne Zukunft verloren. Du stellst dir als Junkie gar keine Zukunft mehr vor, sondern lebst nur noch von Joint zu Joint.

Wer jeden Tag kifft, gibt sich selbst auf und versetzt sein Gehirn für diese Zeit in einen Zustand, der Nichtkiffer nerven kann. Kiffen macht arrogant und lässt einen unrealistische Gedanken fassen.

In manchen Gesellschaften geht das. In anderen nicht.

Ich bin wieder da. Als wäre das das Ende eines langen Festivals. Eben noch zauberte der Regen am Königsforst ein vierdimensionales Muster in die Luft. Nass und trocken, warm und kalt, jeder Millimeter, jeder Moment anders. Ein Gefühls-Trip ohne Drogen. Die Ruhe nach dem Techno. Schön, wenn die Sucht nachlässt.

Jetzt sitzen wir im Biergarten und ich trinke gemütlich ein grün-irisierendes Berliner Getränk. Berliner Weiße mit Waldmeister auf einem Kölsch-Bierdeckel. Es war nicht alles schlecht. Alles ist gut.

Das Festival haben wir uns gespart.


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