Faule Ausreden



Dieser Artikel ist selbst eine faule Ausrede. Klar, ich bin um kurz nach 6 aufgestanden, was im Sommer nicht schwer ist, ich habe schon wichtige Gespräche geführt, dennoch sollte ich mich jetzt lieber um meine Steuererklärung kümmern, anstatt hier mit einem Blogartikel die Welt retten zu wollen. 

Vor allem natürlich meine eigene Welt. Ich bin seit Jahren mit meiner Wiederherstellung beschäftigt und mitten in der Transformation. Niemand will mir aufgrund meiner Kontaminierung einen Job im Textbereich geben. Würde mich auch stören, Satz 1, Satz 2, Satz 3, Absatz, ist alles viel zu statisch. Daher suche ich jetzt eigentlich eine Weiterentwicklung in die Bereiche Finanzen und IT. 

Journalismus: Medienkrise, aber auch für mich inzwischen peinlich. Ich gab meine Texte stets viel zu spät ab, weil ich arrogant und selbstgerecht bin. Ein Text schreibt sich in einer Stunde wie von selbst, da muss ich, logisch gedacht, auch nicht mehr als eine Stunde am Tag arbeiten. Klar wie Kloßbrühe. 

Ich habe kein Interesse an Themen, weil ja alles schon geschrieben wurde. Sehr ärgerlich, das menschliche Gehirn funktioniert seit 5000 Jahren gleich und so machen die Menschen dieselben dummen Dinge immer wieder! Solche kontaminierten Aussagen kann man sich leisten, wenn man in der IT arbeitet, aber leider nicht als Journalist. Da musst du ständig auf der Suche nach einem Thema sein und dies am besten zum Nulltarif.

Faule Ausreden – zu nennen ist auch das politische Engagement im Netz. Man kann sich da Tag und Nacht für die Verbesserung von, ja, was eigentlich einsetzen. Ist aber auch schon hundertmal geschrieben worden und nur, weil gestern Missverständnisse zur Stammbaumforschung der Stuttgarter Polizei im Netz geschürt wurden, muss man noch lange nicht einen aktuellen Artikel zum Thema recherchieren. Das macht dann schon die Stuttgarter Zeitung. 

Dass das Netz von selbstgerechten Spießern mit Zeit-Festanstellung permanent weiter aufgehetzt wird, anstatt an Aufklärung zu arbeiten, so wie es die eigentliche Aufgabe der Presse ist, kann man kritisieren, muss man aber nicht. Sich hiermit länger als fünf Minuten zu befassen - eine faule Ausrede. 

Das Netz ist an sich extremistischer als die Offline-Welt, das lässt sich schon aus der Zustimmung zur Corona-Maske feststellen. Während ich gestern eine Twitter-Umfrage gesehen habe, bei der 25 Prozent der Meinung zugestimmt haben, dass Einkaufen mit Maske falsch ist, so sind es im Normalbereich der Gesellschaft nicht mehr als die üblichen 13 gemobbten AfD-Prozent. Dieser Rückschluss ist zumindest halbwegs interessant, an sich aber auch nicht mehr als eine faule Ausrede, weil es hierzu sicherlich mannigfaltig viele Studien gibt. 

Keine Verschlüsselung benutzen: man kann es Trauma nennen oder eine faule Ausrede. Zwanzig-Zeichen-Passworte, warum nicht? Wer keinen Passwortmanager benutzt, führt vermutlich gerade eine faule Ausrede an. Nicht zum Sport gehen, Haare nicht waschen, die Blumen nicht gießen – alles faule Ausreden. 

Und es geht endlich weiter mit der Trollforschung, der wohl faulsten Ausrede meines ganzen Lebens. Während ich mich die letzten Jahre also abgequält habe und während des Lauerns auf dem Imageboard in die Depression gefallen bin, die eh schon überfällig war, habe ich jetzt endlich Zugang zu einigen interessanten Extremismusforschern gefunden, die sich mit Radikalisierung beschäftigen. Warum erst so spät? Warum gerade jetzt?

Tja, man könnte es eine faule Ausrede nennen, Frustration im netzpolitischen Bereich, falsches Datingverhalten, Intelligenz. Letztere habe ich mir, wie ich bereits in einem anderen Blogartikel  angedeutet habe, offenbar erfolgreich heruntergeschraubt (bin zu faul zum Verlinken). Während ich als Jugendliche noch das einzige Mädchen war, das mit der regulären Punktzahl in eine Mathetalentgruppe kam, während es für die anderen eine Quote brauchte, damit ich da nicht mit den Jungs alleine sitze, bin ich inzwischen komplett verdummt. 

Das Internet. Der Frust. Immer die anderen. 

Alles faule Ausreden. Ich mache meine Steuererklärung. 

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