Freiheit für Brokkoli


Wenn die Bundesdrogenbeauftragte dieser Tage kommentiert, Cannabis sei kein Brokkoli, so steckt in diesem Strohmann-Argument ein wahrer Kern. Berlin ist nicht Weimar, Mailand ist nicht Madrid und Cannabis ist eben kein Brokkoli.

Ignorante Drogenbeauftragte

Gleichwohl offenbart die Politikerin aus Bayern hier eine Ignoranz, die in einer langen Reihe von Bemerkungen von Drogenbeauftragten steht. Eduard Lindner, ebenfalls von der CSU, war auch bekannt als „Schoppen-Ede“ und wurde von Götz Widman mit dem Lied „Eduard der Haschischhund“ besungen. Und die Jahre ziehen ins Land und die Drogenbeauftragten kommentieren immer noch ohne Verstand und dies fast unabhängig von der Parteizugehörigkeit.

Eine Ausnahme stellt da allenfalls noch Christa Nickels von den Grünen dar, die durch ihren Beruf als Krankenschwester wenigstens ein Mindestmaß an Fachkompetenz mitbrachte. Allein, auch in ihre Zeit fiel keine Legalisierung. Den Grünen ist beim Hanf nicht zu trauen: 1998 machten sie mit einem Hanffeld-Plakat Werbung, das mit dem Slogan „Wir versprechen blühende Landschaften“ garniert war, passiert ist dann weniger als nichts. Statt das Cannabis zu legalisieren, haben sie noch eine Drogen-Gesetzeslücke geschlossen, so dass die bis dahin zwischenzeitlich legalen Pilze verboten wurden. Auch die bis in die frühen 2000er in Deutschland noch frei im Laden erhältlichen Hanfsamen wurden von den Grünen mit verboten. Drogenaktivisten erinnern bis heute an das Versagen der Grünen, die heute zudem wesentlich spießiger sind als 1998.

Selbst wenn es 2021 Schwarz-Grün geben sollte, wovon nicht unbedingt auszugehen ist - wahrscheinlicher erscheint Schwarz-Gelb - ist fraglich, ob die Grünen nicht abermals das für sie peinliche Thema Drogen unter den Tisch fallen lassen. Da wird dann darüber gesprochen, dass das Hanf ja auch zu Psychosen führen kann und das war es dann mal wieder, obwohl die Gefährlichkeit ja gerade nicht das richtige Argument ist.

Wenn nun das Cannabis gefährlicher ist als Brokkoli, was wohl niemand außer einigen Vollverstrahlten, die auch daran glauben, dass man mit Cannabis Krebs, Depression, Unlust und wohl auch den Kapitalismus heilen kann, behaupten mag, so wären angesichts dieser Gefährlichkeit einige Vorschläge zu machen.

Nutt-Skala der Gefährlichkeit der Drogen 

Auf der Nutt-Skala der Gefährlichkeit der Drogen steht Cannabis recht weit oben. Je nach Bewertung des individuellen und des gesellschaftlichen Schadens ordnet es sich üblicherweise direkt hinter Amphetaminen (Speed) ein, noch vor den beliebten Partydrogen Ecstasy, Ketamin und GHB. Weit abgeschlagen sind in dieser Skala übrigens die Halluzinogene LSD und Pilze, als ungefährlichste von Nutt erfasste Droge findet sich das vor allem auf dem Kontinent Afrika gebräuchliche Kath.

Warum nun sollte Cannabis trotz der wissenschaftlich erwiesenen gesellschaftlichen und individuellen Schädlichkeit legalisiert werden?

Genau deswegen. Der Geist ist aus der Flasche, inzwischen ist das Rauchen von Joints auch bei Mitgliedern der Jungen Union gebräuchlich und nicht zuletzt die Zuwanderung aus dem arabischen Raum erfordert auch eine Anerkennung der Drogen, die nicht erst seit 2015 von dort einwandern. Ein Weiteres ist die Entwicklung in den USA: Setzte Amerika seit Nixon noch auf einen „War on Drugs“, der eine Null-Toleranz gegenüber allen Drogen predigte, so hat sich der Wind inzwischen gedreht. In einigen Staaten wurde Cannabis bereits legalisiert. Branchen-Insider berichten, dass die US-amerikanische Cannabiswirtschaft mit Druck auf die Märkte strebt, dabei hat sich eine bunte Produktpalette entwickelt.

Auch in Deutschland experimentieren Firmen mit Cannabisprodukten, am deutlichsten fällt der Wandel bei der Bierwirtschaft auf. Doch Deutschland wird nicht wirklich in diesem Segment mitmischen können, so lange die Legalisierung nicht kommt. Schon 2017 wusste die damalige Bundesdrogenbeauftragte Mortler von US-Investoren zu berichten, die den deutschen Markt für sich gewinnen wollen. Anstatt jedoch der deutschen Cannabiswirtschaft einen Standortvorteil in diesen zeitkritischen Rennen zu verschaffen, blieb sie bei der CSU-typischen Dämonisierungsstragie, die angesichts des zunehmenden wirtschaftlichen Drucks von der anderen Seite des Großen Teichs fast schon wie eine Verschwörungstheorie klang.

Auch innenpolitisch wäre eine Legalisierung zu erwägen. Der engagierteste Streiter in diesem Bereich ist der Polizist Frank Tempel, der einige Zeit für die „Linke“ im Bundestag saß. Eine Legalisierung von Cannabis würde dem Dealertum an öffentlichen Plätzen ein für alle Mal einen Garaus machen, gravierenstes Beispiel ist der Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg. Rechtspolitisch wäre das Problem der „Geringen Menge“ anzugehen. Bereits 1994 hat das Bundesverfassungsgericht festgehalten, dass eine bundeseinheitliche „Geringe Menge“ festzulegen sei - bis heute ist es so, dass man in Bayern deutliche mehr Probleme bekommt als in Berlin, wenn man mit Cannabis erwischt wird.

Jugendschutz und Verbraucherschutz

Aus Konsumentensicht sind überdies ganz konkret zwei Aspekte von Bedeutung: der Jugendschutz und der Verbraucherschutz. Hinzu käme noch die Führerscheinsituation, die im Bereich zwischen Innenpolitik, die in einem gesonderten Kommentar bearbeitet werden wird, und eben in der Konsumsituation angesiedelt ist. In manchen Kreisen ist außerdem die Einkaufs-Situation ein Problem, Stichwort Einstiegsdroge – nicht überall ist die Trennung der Märkte gegeben, sondern man gerät über den Cannabiseinkauf schnell auch an Kokain oder Ecstasy.

Dies alles wären schon genug Argumente für eine Legalisierung. Die Hanfparade hatte im Jahr 2008 das Motto „Jugendschutz, Verbraucherschutz, Legalisierung“. Die Argumentation im Jugendschutzbereich erscheint originell, denn man würde annehmen, dass ein Totalverbot ja den besten Jugendschutz ermöglichen würde. Erinnern wir uns jedoch an die großflächige Verbreitung des Cannabis in der deutschen Gesellschaft, so wird deutlich, dass angesichts der Tatsache, dass „der Geist aus der Flasche“ ist, neue Maßnahmen notwendig sind.

Studien legen nahe, dass Jugendliche nicht kiffen sollen. Das Gehirn ist erst mit etwas mehr als 20 Jahren komplett ausentwickelt, wer davor häufig kifft, tut sich selbst und seiner Karriere nichts Gutes. In der Illegalität jedoch lässt sich über die Droge nicht sprechen, Sozialarbeit wird erschwert und problematischer Konsum länger verheimlicht. Nachvollziehbare Jugendschutzregeln würden zumindest helfen, diesen Aspekt im öffentlichen Diskurs zum Thema zu machen. Auch wenn sich rein rechtlich Über-18jährige nichts mehr verbieten lassen müssen, so sind Apelle an deren Vernunft leichter möglich, wenn überhaupt erst ein Sprechen möglich wird. Dieses ist aktuell nicht angstfrei möglich.

Beispiele für mangelnden Verbraucherschutz gibt es zuhauf. Das fängt bei den Cannabisopfern von Leipzig an. 2008 tauchte in Leipzig mit Blei verunreinigtes Gras auf. „Das gab es vorher noch nie“ wurde empört kommentiert. Geschäftstüchtige Händler hatten das Gras mit Bleiderivaten gestreckt, um es schwerer zu machen. Zahlreiche Vergiftungen waren die Folge, selbst die Polizei warnte. Gestreckt wird unter anderem auch mit Glassplittern, Sand, Haarspray und Brix, einem synthetischen Streckmittel aus Zucker, Hormonen und flüssigem Kunststoff.

Verbrauchergefährdung durch giftige Streckmittel und Pestizide

Zusätzlich ungesund wird das illegale Cannabis auch durch Pestizide, die bei der intensiven Gras-Herstellung in den verschlossenen Hallen auf die eng stehenden Pflanzen geschüttet werden müssen, damit sie nicht von Schädlingen befallen werden. Auch lässt sich der hoch giftige Schimmel ohne eine genaue Untersuchung mithilfe einer Lupe kaum entdecken.

Der Verbraucher hat beim Einkauf auf dem öffentlichen Drogenplatz selten eine Möglichkeit, die Qualität des Produkts nachhaltig und abschließend zu testen. Er kann ja froh sein, von dem windigen Händler überhaupt etwas zu erhalten. Etwas besser ist es beim Hausdealer, bei Bekannten oder Bekannten von Bekannten. Doch von einer verbraucherfreundlichen Situation sind wir in Deutschland noch weit entfernt.

Notwendig wären nachprüfbare Standards. Dazu zählen standardisierte Mengen, wie sie im Lebensmittelbereich üblich sind. Verglichen mit dem Beispiel Brokkoli würde das bedeuten, dass ein abgepacktes Päckchen auch wirklich die aufgedruckte Menge enthält. Es wäre in Deutschland völlig abwegig, in den Rewe zu gehen und einen Brokkoli zu kaufen, auf dem „750 Gramm“ aufgedruckt ist, und dann zuhause oder auf der Supermarktwaage festzustellen, dass der Brokkoli nur 600 Gramm wiegt.

Ähnlich wäre es mit Giftstoffen. Kaufe ich einen Brokkoli aus konventionellem Anbau, dann wäre es eine Auffälligkeit, wenn dieser Pestizide über dem Grenzwert enthalten würde. Bei Bio sind Pestizidrückstände selten nachweisbar. Beim Cannabis hingegen gibt es weder Regeln für den Bio-Anbau noch überhaupt Regeln. Auch ob die Pestizide in Deutschland überhaupt zugelassen sind, kontrolliert keiner, geschweige denn die Menge der Rückstände. Pestizidrückstände im Cannabis können vielmehr als üblich gelten. Der Konsument vergiftet sich also zusätzlich zum Rauschgift noch ganz klassisch mit Pflanzenschutzmittel. „Hätten sie doch Brokkoli geraucht, da gibt es schließlich belastbare Grenzwerte“ ist an dieser Stelle natürlich kein politisch sinnvoller Vorschlag.

Legalisierungsmodelle Coffeshop und Cannabis Social Club

Verbraucherschutz wird sowohl in den niederländischen Coffeeshops realisiert, genauso auch in Spanien, wo es ein Cannabis Social Club Modell gibt. Im Coffeshop erhält man standardisierte Mengen unterschiedlichster Cannabissorten, die nach jahrzehntelanger Züchtung an Qualität und Vielfalt gewonnen haben. Das Cannabis Social Club Modell entstand der Legende nach als Initiative baskischer Mütter von Heroinsüchtigen, die als Ausstiegsdroge für ihre Söhne Cannabis anzupflanzen begannen. Heute ist es so, dass die Cannabis Social Clubs in den meisten Regionen Spaniens geduldet sind.

Nicht immer wird dem Jugendschutz Rechnung getragen, so gibt es aus Barcelona Berichte, dass offen auf der Straße für eine Cannabis-Social-Club-Mitgliedschaft Werbung gemacht wird. In anderen Regionen gelingt es jedoch, mithilfe der Clubmitgliedschaften den Cannabiskonsum von der Straße fernzuhalten. Dort ist es dann auch nicht erlaubt, in der Öffentlichkeit zu konsumieren. Das Gras wird im Club in Plastik verschweißt und darf erst zuhause geöffnet werden, um dann auf dem eigenen Balkon konsumiert werden.

Diese und andere Modelle können Möglichkeiten sein, den gefährlichen Brokkoli aus dem Chaos der Illegalität zu befreien und seine Benutzung zu verrechtlichen. Nicht nur, aber auch, damit Deutschland seine Rolle in der Cannabiswirtschaft nicht ohne Not aufs Spiel setzt. Vor allem aber, um die Probleme, die sich durch den Cannabisgebrauch in Deutschland ergeben, endlich anzugehen, anstatt diese totzuschweigen und einseitig einer kontrollverlustigen Drogen-Unterschicht zuzuschieben.

Freiheit für den Brokkoli! Oder, um es mit dem unnachahmlichen Christian Ströbele zu sagen: Gebt das Hanf frei!



Bildnachweis Brokkoli: Theo Crazzola · CC-BY

Kommentare

  1. Du kannst es also doch noch: richtig guten Journalismus.

    Kath, ich weiß es aus zweiter Hand (habe eine Kostprobe zu Hause, aber bislang liegt sie ignoriert neben dem Cocalaub), ist deshalb so "ungefährlich", weil man beim Runterkommen bestialischste Kopfschmerzen bekommt. Und weil außerhalb von Yemen und Somalia an Kath nicht einfach dranzukommen ist - es sei denn, dein bester Mann arbeitet im Botanischen Garten oder so -, ist der Konsum in westlichen Ländern selbstlimitierend. Koks würde ja auch kaum jemand nehmen, wenn es nicht so einfach zu besachaffen wäre.

    Im Yemen hingegen, wo man es an jeder Ecke bekommt bzw bekam, wurde vor einigen Jahren der Konsum von Kath für Beamte während der Arbeitszeit verboten. Es ist halt einfach doof, wenn du in eine Behörde kommst, und da sitzt einer der entweder mental sonstwo ist und dich nur tiefenentspannt und scheißegal angrinst, oder gerade runterkommt, einen Schädel hat der durch keine Tür mehr passt, und generell abgeht wie ein Kokser anderthalb Stunden nach dem letzten Peak.

    In diesen Kontext - Irrungen und Wirrungen der Prohibition - passen auch die hübschen Tütchen Prunkwinden-Samen, die man in jedem besseren Supermarkt zur Frühlingszeit für wenige € bekommt.
    Sobald du das LSA aus den Teilen extrahierst, bist du rechtlich gesehen in derselben Kategorie, als wenn du Meth kochst.

    Oder dass du als Privatperson in Deutschland 95 € hinblättern kannst, und dafür die Genehmigung bekommst, "bis zu 10 Quadratmeter" morphinarmen Schlafmohn (mit Vorgabe der Sorte - du darfst zwischen 2 auswählen) anzubauen. 10 m² ergeben rund ein Pfund Mohnsamen; die zu verbrauchen, bevor sie ranzen, ist für eine Privatperson nicht einfach. Und falls du die doch mal brauchst, kriegst du sie für sechsfuffzich im Handel.
    Also bauen viele Leute 1-2 qm Mohn für den Eigenbedarf an und scheißen auf die Genehmigung; die Menge Opiate, die sich daraus gewinnen lässt, ist weder signifikant noch den Aufwand wert, aber es ist trotzdem illegal wie nur was.

    Fazit: betrachte ich deutsche Sucht-und-Drogen-Politik, frage ich mich, was die Typen geraucht haben, einfach nur damit ich das fuhle Zeug mein Leben lang vermeiden kann.

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    1. Geplant ist eine Cannabis-Reihe. Ich habe mir das Thema vorgenommen, weil, ja, das steht eigentlich in dem Artikel: eine Legalisierung ist eigentlich nötig, allein, die Kiffer schaffen das nicht. Ich vermute mal, weil die Politik sie - nicht immer zu unrecht - nicht ernst nimmt.

      LG Falkentaube

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