Gaslichternde Tomatenmystik



Im vergangenen Jahr habe ich wie jedes Jahr im Herbst im Botanischen Garten der Universität Bonn Früchte vom Boden aufgehoben, um daraus Samen zu gewinnen. Es hängt ein Schild im Garten, dass man nichts abpflücken darf, ich habe jedoch den Eindruck gewonnen, dass die Gärtner verschmitzt oder gar erfreut ein Auge zudrücken, wenn man diese Art des Samenraubs begeht.

Während ich im Herbst 2018 die schwarze Tomate "Königin der Nacht" erhielt, so holte ich letzten Herbst den "schwarzen Prinz". Man nimmt, was die Gärtner anpflanzen, durch ihre professionelle Pflanzenkompetenz haben sie ein gutes Händchen für interessante Sorten. Schwarzer Prinz ist eine über 50 Jahre alte sibirische Tomate mit stabilem Saatgut. Nun sind die ersten Früchte herangewachsen und, oh Horror, die Tomaten färben sich gar nicht schwarz, sondern rot.

Hatte ich doch großspurig bei Facebook von dem schwarzen Prinzen gesprochen, als ich Pflanzen dieser Sorte "und irgendeine gelbe" zum Verschenken anbot. So fragte ich mich nun ernsthaft nach meiner geistigen Gesundheit. Hatte ich etwa noch Samen einer dritten, einer roten Tomate, auf das Papier gestrichen, um die Samen für das kommende Jahr zu erhalten? Ich erinnerte mich nicht, dafür meinte ich den Streich-Vorgang noch genau im Kopf zu haben: viele Samen vom schwarzen Prinzen, wenige von den gelben, denn diese Tomate war durch das herbstliche Wetter schon allzusehr in Mitleidenschaft gezogen, kurzum, sie war schon sehr durch Regen und Kälte zermatscht.

Ein Gaslighting-Moment. Das Gaslighting ist erst durch die jüngste Rassismusdebatte zum Thema geworden. Die Sichtweise der von Rassismus Betroffenen werde durch ein „Ist doch gar nicht so schlimm“ abqualifiziert, monieren Aktivisten. Der Begriff kommt von dem Film "Das Haus der Lady Alquist", der auf "Gas Light" (Film und Theaterstück) basiert. Ein Ehemann versucht "mit Lügen und Täuschungen, seine Frau in den Wahnsinn zu treiben und dadurch auch – wenn diese für psychisch krank erklärt wird – an ihr übriges geerbtes Vermögen zu kommen" (Wikipedia). Unter anderem flackert das Licht der Gaslampen, was sich später mit den Heimlichkeiten und Lügen des Ehemanns erklärt, weil er auf den Dachboden geht, dort herumtrampelt und heimlich in ihren Dingen herumschnüffelt. Die flackernde Gaslampe ist also Metapher für die Heimlichkeiten, Lügen und das boshafte In-den-Wahnsinn-Treiben. An-aus, richtig-falsch, beides gleichzeitig, Schrödingers Katze.

Bin ich verrückt oder ist es der Andere, oftmals heutzutage die Welt, eine klassische Frage der Psychiatriekritik. Wenn es nicht gelingt, die eigene Sichtweise sinnvoll rückzukoppeln, dann wird es oftmals unangenehm, gerade für logisch orientierte Menschen.

Das Rätsel der rot-schwarzen Tomaten postete ich in der Facebook-Gruppe der Bonner Pflanzentauscher, nicht ohne mich für die falsche Fruchtfarbe zu entschuldigen. Verängstigt mutmaßte ich, es würde sich, anders als im Frühjahr behauptet, gar nicht um schwarzer Prinz handeln. Dies täte mir dann sehr leid. Als letztes erkundigte ich mich, im Grunde mutlos und nach einem angenehmen Abschluss in einer unmöglichen Situation heischend, nach dem Verbleib der anderen Pflanzen. "Ich hoffe, euren Tomaten geht es gut".

Bereits nach kurzer Zeit eine erste Entwarnung: eine fachkundige Person kommentierte, die Tomaten würden durchaus nach schwarzer Prinz aussehen. Doch die Frage nach der ungewöhnlich hellen Färbung beantwortete sie nicht. Die Frage nach dem Rot anstatt des erwarteten Schwarzes – denn ich hatte die Pflanzen im Botanischen Garten doch mit eigenen Augen gesehen! Knalleschwarz waren sie gewesen, und nun die auf meinem Dach – gewöhnlich Rot, zwar recht satt, aber doch eben Rot, wie man es von einer Tomate eben erwartet. Dann passt ja wenigstens das Emoji, flüsterte ich müde, im Frühjahr war die Rede noch von Gelb und Schwarz und das Emoji ist Tomatenrot, damals hatte mich der Emoji-Kategoriefehler gestört, jetzt war alles plötzlich viel schlimmer. Die Wahrheit drohte komplett Schiffbruch zu erleiden.

Helfen konnte nur noch die Wissenschaft. Also machte ich mich auf in den Botanischen Garten. Dort ließ ich mich nicht abwimmeln. "Ich habe eine Tomaten-Frage" trug ich den Gärtnern vor, einer gut und einer schlecht gelaunt, die mich zuerst an den Gartenleiter verweisen wollten. Der jedoch war gerade weg und käme morgen wieder. Mutig setzte ich nach. "Die Tomate schwarzer Prinz, wovon hängt es ab, dass sie manchmal schwarz und manchmal rot ist?" "Ach, das ist garantiert wegen der Anthocyane!" verkündete der gut Gelaunte der beiden geradeheraus. "Wenn die Tomate viel Sonne abbekommt, dann baut sie mehr Anthocyane in die Schale ein". Welch schöne Erkenntnis, fiel mir ein, und ich dachte daran, dass meine Tomaten ja anders als jene im Botanischen Garten im Halbschatten stünden. "Anthocyane, perfekt, damit kann ich weiter-recherchieren", dankte ich schüchtern, doch die beiden hörten mich schon nicht mehr, vertieft in ihr Gärtner-Gespräch zogen sie mit ihrem Wagen auf die Felder.

Anthocyane sind blaue-violett-rote Pflanzenfarbstoffe, die unter anderem in Auberginen, Blaubeeren und vielen anderen höheren Pflanzen – jedoch nicht in Wasserpflanzen – vorkommen. Auch in Acai-Beeren, die im tropischen Regenwald wachsen, sind sie enthalten. Seit etwa 2012 boomen die so genannten Superfruits und, tja, Anthocyan-haltiges Obst und Gemüse gehört zu ihnen dazu. Ich habe mal zu Acai recherchiert und habe von der Verbraucherzentrale die vernünftige Antwort erhalten, das sei alles Geldschneiderei, man könne genauso gut Blaubeersaft trinken. Aber das interessiert die Superfruit-Konsumenten wenig, die vermutlich im fortgeschrittenen Alter oder im Veganer-Milieu zu finden sind. Sie wollen sich durch den Superfruit-Konsum das ewige Leben sichern, denn Anthocyane wirken auf zellulärer Ebene im Reagenzglas antioxidativ. Daher glauben Superfruit-Konsumenten, dass sie zum Beispiel gegen Krebs helfen, was aufgrund der schlechten Bioverfügbarkeit (Wikipedia) nicht stimme.

Im Food-Bereich erzeugt eine Google-Recherche mehr Mystik als Aufklärung. So lässt sich die Frage, wie die schwarze Farbe in den schwarzen Prinzen kommt und ob es sich dabei überhaupt um Anthocyane handelt, für mich nun fast nicht mehr beantworten. Passend zum Superfood-Boom wurde 2012 an der Oregon State Universität die Sorte „Indigo Rose“ vorgestellt. Sie sei "die erste verbesserte Tomatensorte der Welt, die Anthocyane in ihrer Frucht hat".

"Die 'Indigo Rose' ist zweifelsohne eine wunderschöne Sorte mit einem hohen Anteil an gesundem Anthocyan. Es ist aber auch eine späte Sorte, mit wenig Ertrag, die mir nicht schmeckt" kommentiert Tomatenjunkie. Laut EU-Kommission gelte die 'Indigo Rose' als Zierpflanze, ordnet Tomatenjunkie ein. Auch in Israel und anderswo wurden erfolgreich Anthocyan-haltige Sorten gezüchtet und seit 2012 sind für die Zielgruppe der Gesund-Esser viele neue Sorten auf den Markt gekommen. Eine Übersicht und die Differenzierung zwischen blauen Anthocyan-Sorten findet sich auf tomaten.de.

Im Unterschied zu den neuen "Antho-Sorten" seien Sorten mit Namen wie "Black Krim", womit vielleicht, vielleicht aber auch nicht der Schwarze Prinz gemeint ist, nicht Anthocyan-haltig, so tomaten.de. Je mehr man recherchiert, desto weniger weiß man, der Food-Bereich wird bei längerer Beschäftigung mit ihm im Internet zu einem mystischen Gaslicht. Zum Glück habe ich nicht so genau hingesehen und habe auf die Quantenmechanik des Anthocyans verzichtet.

Der beste, sachlichste, aufklärerischste Artikel zum Thema allerdings, wie könnte es anders sein, bezieht sich auf die "Königin der Nacht" im Bonner Botanischen Garten und ist aus dem Jahr 2018. Hier werden alle offenen Fragen wissenschaftlich geklärt. Vermutlich haben die Gärtner der "Bonn Gardens“ mit dem Anbauen der "Königin der Nacht" vor zwei Jahren und dem "schwarzen Prinzen" im letzten Jahr mehr Tomatenwissen in die Welt gebracht, als sie sich bei der Auswahl der wunderschönen schwarz-rot-dunkelgrünen Sorten erträumt haben.

Wissen kann verängstigen, aber Wissen ist auch Macht. In diesem Fall gilt definitiv Letzteres. Ob die alte sibirische Sorte Schwarzer Prinz nun Anthocyane enthält oder nicht – Guten Appetit! Sie schmeckt übrigens hervorragend.

Kommentare

  1. Auch das ganz großes Kino. Für Tomatenfans ist der Artikel wie ein guter Krimi.

    Bei mir steht am Hauseingang grad ein Topf mit zwei Anthocyantomaten, einen Namen habe ich leider nicht, aber wenn du "Bonn" durch "Berlin" ersetzt, ist ihre Vorgeschichte wie die deines Prinzen ;-)

    'Black Krim' etc haben statt Anthocyanen extrem viel Carotinoide, und zwar konkret ein dunkelrotes Molekül (Carotinoide bei Tomaten gehen von hellgelb bis dunkelrot). Das ergibt so ein schwarzbraun, nicht dieses glänzende violette Schwarz der Anthocyane.

    'Indigo Rose' ist *sehr* hübsch. Also als Deko. Geschmacklich würde ich 'Helsing Junction Blue' bevorzugen, die ist ansonsten fast dasselbe mit rot statt rosa. Bekommt sie viel Sonne, haben gut ausgebildete Früchte am Ansatz einen roten 5zackigen Stern auf schwarzem Grund, weil dort, wo die Kelchblätter aufliegen, keine Sonne hinkommt, ergo kein Anthocyan gebildet wird.

    'Königin der Nacht' ist aber IMO eine der schönsten Tomaten überhaupt, mit weitem Abstand. 'Tigerella' und vielleicht 'Ei von Phuket' kommen nah dran, aber nicht ganz.

    Probier mal - wenn du sie bekommst - 'Wooly Blue Jay' für Optik (die meisten Fotos auf Google sind zu rot, und weder wollig noch blau genug). Und probier auf jeden Fall mal 'Brandywine Cherry' und/oder 'Cherokee Purple' für den Geschmack. Die Cherry musst du voll ausreifen lassen, bis jede Spur gelbliche Tönung verschwunden ist und die Frucht ein kühles, fast bläuliches Rosa hat.

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  2. Oh, was für ein toller, fachkundiger Kommentar! Danke! Wo findet man denn die Community der Tomatenzüchter? Ich bin ja bislang eigentlich im Chilibusiness unterwegs...

    Königin der Nacht ist eine sehr schöne Tomate (habe auch noch Samen da, sie ist außerdem überall in meinem Komposthaufen), geschmacklich kommt sie an den Prinzen allerdings, wie ich einräumen muss, nicht heran.

    Die anderen probiere ich mal – am besten wäre es natürlich, wenn der Botanische Garten sie im nächsten Jahr anpflanzt. ;-)

    Gruß, Falkentaube

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