Überlege noch

So ein Kolumnenjob ist sehr anstrengend – aber er bringt Geld. Man könnte sagen: eine Kolumne macht Spaß und Probleme. Daher nun die zweite Stokowski-Aushilfskolumne. Margarete ist krank und deswegen haben wir von Taube & Falke die Kolumne übernommen. Die Frage war: wie ist Heilung möglich? In der ersten Folge ging es um Sport, natürlich nicht abschließend, aber ein erster Aufschlag ist gemacht.

In dieser zweiten Folge nun das Thema Mode, Musik und persönlicher Geschmack.

Dankenswerterweise hat die liebe Hengameh Yahoobifarah in der taz vorgelegt und, nachdem sie schon über Crogs schrieb, ein bemerkenswertes Stück zum Thema Barfußschuhe abgeliefert. Wie immer voller ekelhafter Referenzen. Der beste Satz darin, im Übrigen die Stelle, an der ich aufhörte zu lesen und das Teil meinen kleinen Freunden aus dem Chat eines längst versunkenen Imageboards vorstellte: „Das Label ‚fette Sau‘ bekommt mehr Layer als Lasagne.“

Layer, Layer, Layer! Likes, Likes, Likes. Du bist das Label, das ausgeforscht werden kann, fuck yeah! Hauptsache seine eigene Bubble addressieren, dann fließt die Kohle schon, wenn man sich nur lange genug exponiert hat. Hengameh kann man ja dankenswerterweise bei Instagram beobachten. Manchmal ist sie da fast nackt. Ihre Ähnlichkeit mit dem früheren Youtube-Star Nadja Baroudi ist frappierend.

Aber das ist sicher rassistisch, da Baroudi wie Yahoobifarah einen iranischen Migrationshintergrund zu haben scheint, was man mit trickreichen SS-Methoden aus dem Namen ableiten kann.

Hengameh ist auf jeden Fall queere Modebloggerin und überrascht mit Artikeln, deren Inhalte nicht zur Überschrift passen. So gibt es zum Beispiel einen zu „Aldi-Aesthetics“, wobei in dem Outfit kein einziges Teil von Aldi vorkommt. Da ich Extrem-Aldi-Süd-Fan bin, hat sich nach dem Lesen bei mir eine enorme Enttäuschung eingestellt – die war sicherlich intendiert. Hinterlistige Trollerei. Fuck yeah!

Fuck yeah!

"Fuck yeah!" ist die Parole von Anne Wizorek, von der man seit "Aufschrei" und ihrem dazugehörigen Buch zurecht nichts mehr gehört hat. Margarete Stokowski hingegen ist zu einem feministischen Schwergewicht geworden. Allerdings dritte Welle, Queerfeminismus, eine Bewegung, die ich eher so mittel finde. Ich überlege noch, was mir an dem ganz neuen Feminismus gefällt.

Bei Stokowski heißt es anstatt "Fuck yeah!" „Fuck you!“. Mein Streit mit Margarete begann zu eskalieren, nachdem sie sich in ihrer Kolumne darüber beklagt hatte, dass man in Deutschland keine geeigneten BHs mehr kaufen kann, sondern sich diese für ein Wochengehalt in der Schweiz bestellen muss.

Margarete sagt also „Fuck you“ zur guten deutschen BH-Industrie und geht einfach woanders einkaufen. Dieser Vorgang ist einfach nur allerhand. Ich schlage diesbezüglich vor, noch einmal eine Runde zu überlegen, anstatt einfach eine derart hasserfüllte Kolumne zu schreiben. Das Prinzip „Die Poesie des Fuck You“, das sie für die Heilung der Frauen vorschlägt, ist aus den USA kopiert, wobei man sich angesichts dessen fragen kann, warum sie ihre BHs dann nicht direkt in den USA bestellt oder zumindest in Großbritannien, wo sich aufgrund der dortigen Ernährungsindustrie viel Material für großbrüstige Frauen findet.

Man verstehe mich nicht falsch: ich bin auch extrem sauer auf Aldi Süd. Noch für viele Wochen wird es dort keine Push-Up-BHs für mich geben, anstelle dessen Kleidung für alte Leute und für Kinder. Was soll dieser Gebärfaschismus und dieser Generatiolismus? Auch dicke Frauen haben in den letzten Wochen schon aktuelle Angebote bei "Aldi Süd" einkaufen können. Nur wir Sportskanonen, die jetzt ein Bedürfnis nach Push-Up-BHs (Kostenpunkt: 5 Euro) haben, gehen mal wieder leer aus. Ich identifiziere hier eine strukturelle Ungerechtigkeit!

Spaß beiseite.

Mein Vorschlag ist, sowohl „Fuck you!“ als auch „Fuck yeah!“ durch ein zurückgelehntes kritisch-ungläubiges „Überlege noch“ zu ersetzen. „Fuck you!“ und „Fuck yeah!“ sind getriggerte Armutszeugnisse. Einmal negativ, einmal positiv. Direkt ins Kleinhirn und dann schön an der Leine durch die Manege geführt. Lass dich nicht auslösen, Mädchen, möchte man diesen Mädchenfeministinnen zurückgelehnt zurufen, doch sie hören schon lange nicht mehr.

Fuck you!

Das „Fuck you“ ist zudem äußerst zerstörerisch für die heterosexuelle Zweierbeziehung. Ja, die Keimzelle des Faschismus, aber die meisten von uns sind eben noch Heteras, trotz Internet und Corona. Wer also dem männlichen Geschlecht nicht permanent ein „Fuck you“ entgegenschleudern möchte, ist nun mal gezwungen, sich diesem auszusetzen und mit seinen Unzulänglichkeiten umzugehen, die selbstverständlich größtenteils durch die Gesellschaft geformt sind. Da muss man eben mal ein bisschen mehr überlegen, weil die meisten Frauen eben nicht als Mann sozialisiert wurden, sondern als Frau. Hormone hin und her. Wäre schon praktisch, wenn wir alle schwul werden könnten, aber das steht hier nicht zur Debatte. Linker Realismus heißt, mit den Unzulänglichkeiten der Männer realistisch umzugehen, so wie sie eben mit unseren Unzulänglichkeiten umgehen.

Mein Stilberater riet mir zum Beispiel, meine Leber und meine Pfifferlinge mit Steinpilznudeln zu essen. Ist es richtig, ihm als Antwort ein „Fuck you!“ entgegen zu schleudern, die Beziehung ein weiteres Mal infrage zustellen, nur, weil die Leber mit den Steinpilznudeln am Wochenende eben nicht perfekt war? Und weil er doch wissen sollte, dass De Cecco Nudeln die besten sind? Natürlich nicht.

So ein Stilberater hat an sich so viele Vorteile, dass man für ihn (oder sie) seine Traumatisierungen zurücknehmen sollte. Man erhält die besten Kleidungstipps, so dass man nicht gezwungen ist, sich in einen Müllsack zu kleiden, so wie es bei manchen Feministinnen en Vogue zu sein scheint.

Klar, Modezeitschriften und Kleidungsläden stellen permanent Ansprüche. Wie 1000 Satelliten umkreisen diese Einflüsse die Frauen und sie wissen gar nicht mehr, was sie einkaufen sollen. Da darf man sich schon eine Pause gönnen, zeitweise alle Hoffnung fahren lassen, aber irgendwann ist auch mal gut. Dann wird das Zerfallene wieder aufgebaut. So wie Pérélin der Nachtwald in der „Unendlichen Geschichte“, der jede Nacht aus der Farbenwüste wächst.

Ein neuer Stil

Denn es macht sehr viel Spaß, sich einen neuen Stil zuzulegen. Dafür kann man auch aus seinem Lebenserfahrungsschatz schürfen. Daher bin ich jetzt Sisters-of-Mercy-Fan. Das habe ich bei Facebook eingetragen und bei Google folge ich dieser Musik nun. Gestern habe ich mir bei Oxfam eine Gothic-Uhr gekauft, um meinen neuen Musikgeschmack auch äußerlich zu unterstreichen. Ist mir lieber als das Label „Fette Sau“ und außerdem dürfte damit mein Leid mit dem musiktechnisch traumatisierenden Partner abgeschlossen sein. Immer, wenn wir über Musik sprachen, stieß er literweise Cortisol aus und stellte sich dann ans Mischpult. Toxisch!

Die vernünftige Entscheidung, geleitet durch Erinnerungen an meine Jugend, hat sich als ausgezeichnete Entscheidung herausgestellt, denn Sisters of Mercy sind die Königinnen des Gothic und Andrew Eldritch ist der politisch stabilste Typ, den man sich vorstellen kann. Wenn man sich auf Youtube seine seltenen Interviews ansieht, dann kann man sich abschauen, wie er mit den Widersprüchen der Welt umgeht. Mit Witz und einem sanften Zynismus und natürlich mit Tätigkeit und Exzellenz. Wenn in einem Youtube-Mix Sisters of Mercy vorkommen, dann erkenne ich dies sofort auch bei unbekannten Liedern an der hervorragenden Machart. Schön, wenn man bemerkt, dass man in seiner Jugend gar nicht sch*** war.

Manchmal gerät man eben auf Abwege und muss die Zeit zurückdrehen. 10 Jahre Internetdebatten, Cannabis und Berlin sind reflektierbar und subtrahierbar. War ja nicht alles schlecht. Das Gute ins Töpfchen, das Schlechte ins Kröpfchen. Sich neu zu erfinden ist nicht leicht, aber nötig. Eine Schlange, die sich nicht häutet, stirbt. Neu ist das, was neu ist. Klingt leicht, ist aber deutlich schwieriger, als vermutet. Nicht immer rot zu sehen, sich nicht in einen Müllsack zu kleiden, hat auch etwas mit Selbstachtung zu tun.

Überlege noch...

Wenn man also wie ich der grünfeministischen Müllkippe entronnen ist, seine Blümchenkleidung in die Tonne geworfen hat und sich High Heels und eine Gothic-Uhr zugelegt hat, dann ist Dankbarkeit angesagt. Schlecht wäre es, diesem Neuen in Kürze ein „Fuck you!“ entgegen zu schleudern und sich nicht mehr zu erinnern.

Sich neu mit einem „Fuck you“ programmieren zu wollen, ist hingegen wahrlich befremdlich. Was daran neu ist, wenn man eh traumatisiert ist, und eh automatisch wie eine Furie mit „Fuck you“ reagiert, möge man mir in den Kommentaren erzählen. Möglicherweise ist eine solche Neuprogrammierung bei den lieben Schafen, die die anderen Frauen sind, ja nötig. Alle anderen Frauen lassen sich vom Vergewaltiger an die Schlachtbank führen und reagieren nicht und dies auf immerdar. Daher ist das „Fuck you“ sinnvoll... Könnte sein, klingt aber unrealistisch. That‘s not how Trauma is working.

Was wohl wirklich dahinter steckt?

Überlege noch.

Kommentare

  1. So was meine ich. Über weite Teile wow, einfach nur wow. Du kannst mit der deutschen Sprache umgehen auf eine Weise, für die ich keine oder kaum Vergleiche finde, nicht in unserer Zeit jedenfalls, und ganz bestimmt nicht in deinem Radius.

    Bei "Pérélin" wurde ich ein bisschen traurig, nicht wegen meinem Bezug (ich habe Pérélin und Goab hart abgefeiert, allein wegen der Namen schon), sondern weil seine Erwähnung wie aus dem Nichts ein *Layer* von dir durchblicken lässt, das mit dem öffentlich sichtbaren Rest von dir nur sehr zerrissen und zersplittert interfaced.

    Soviel zur Stilkritik. Und nun zur inhaltlichen, mit einem

    SPASSFAKT: Baroudi müsste Arabisch oder Arabopersisch sein, ah danke Wikipedia ("Hamid Baroudi ist ein algerisch-deutscher Sänger").
    Keine Ahnung, was die semitische Wurzel B-R-W-D bedeutet; zu faul, nachzuschlagen.

    Yahoobifarah ist, soweit ich weiß, Turkopersisch. And *that's* where all the trouble started:
    Für die Biodeutschen ist er/sie/es/* ne Perserin.
    Für die Bioperser - ne Türkin.
    Für die Biotürken - ne Deutsche.
    Nie was anderes gewesen. Im Leben nicht.
    Mit Proletariatseltern wäre Yahoobifarah wohl nondescript Kanak geworden, und zumindest in diesem Punkt safe.

    Aber so? Suchend, umherirrend; Schuhe, Stil - Seeanker im Ozean einer kulturellen зона отчуждения. Auf der Flucht zu sich selbst, weg von sich selbst.

    Sound familiar, Bernadette?


    tl;dr: In diesem Test ist die "23" versteckt, und wer sie findet, kann sie behalten.

    "Ewige Blumenkraft!"

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    1. So viele Anmerkungen, so wenig Intellekt in meinem Gehirn, um sie angemessen fassen zu können! Zuerst natürlich, Yahoobifarah. Ja, ich kenne Buchholz, wo sie aufgewachsen ist, ich wäre dankbar gewesen, ein derart urbanes Umfeld haben zu können. Ich musste mit dem Fahrrad nach Buchholz fahren, weil die Busse so selten und nicht passend dorthin fuhren, nach dem Stützpunkttraining in Hannover manchmal noch die 20 Kilometer von Buchholz nach Hause. Aber irgendwas ist ja immer...

      ...zu Baroudi fällt mit im Sportkonzext ein, dass ich vermutlich vorsichtig sein muss, mich wie sie als sportlich zu bezeichnen, sonst hält man mich alte Frau noch für eine Hochstaplerin! Das möchte ich unbedingt vermeiden. Werde also demnächst meine Trainingstabelle leaken.

      Du musst wegen Pérélin nicht traurig werden, ich habe meine Entscheidung getroffen, auch wenn es manchmal sauschwer ist. Würde aber gerne wieder Kontakt mit der Person haben, die die die Unendliche Geschichte bei mir triggert! Mehr ist das nicht. Habe viel Interessantes von ihr gelernt. Leben ist lernen (keine Quelle für diese Aussage). Die Zerrissenheit dieser Zeit ist literarisch und vermutlich auch politisch äußerst wertvoll, ich werde sie nicht vergessen.

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