Überquerungen

...Eva wollte mir bis heute nie erzählen, was beim Frauenplenum los war. Auch bei uns Männern ging es in der Tat ans Eingemachte. Es ging los mit dem Bedürfnis, eine Debatte in eine produktive Richtung lenken zu wollen. Dann um unsere Wünsche, am Ende das Gelingen eines fertigen Produkts ermöglicht zu haben. Richtig gut wurde es, als die Frage aufkam, warum gerade unsere Männerhirne dieses Verhalten derart internalisiert haben, dass sich über Jahre genau diese Redelisten-Verläufe immer wieder glichen...

In der Geschlechterdebatte finden zurzeit vor allem die extremen Stimmen Gehör. Ihre Figuren sind der alte weiße Mann und die junge wilde Frau – ein schwülstiges, aus Literatur und Mythologie zu Genüge bekanntes Paar, das das aktuelle Spektakel optimal besetzt. Dabei gibt es viele, die ein Unbehagen an den Verhältnissen mit sich herumtragen und gleichzeitig den Wunsch nach dem Vollkommenen in unvollkommenen Realitäten nicht aufgegeben haben. Eyke Nordhaus ist eine dieser Stimmen.

Viel Spaß beim Lesen und Kommentieren von Eykes sexpolitischen Gedanken und der Geschichte "Sechs-Jahre-Ohne" über einen Mann, der sich von seiner Frau tatsächlich hat überreden lassen, sechs Jahre keinen Sex zu haben. 



Gastbeitrag von Eyke Nordhaus

0. Ein Status Quo

0.1 Der Tanz der Libellen

Neulich sah ich beim Überqueren eines Wildbachs zwei Libellen beim Lufttanz. Eine war schillernd bunt, die andere in diskretem Braun. Vermutlich diente der Tanz ihrer Fortpflanzung. Sie spulen seit Äonen ein genetisch verankertes Programm ab. Und ihre schiere Existenz belegt den Erfolg dieser Gene. Beim Menschen ist dies alles heutzutage nicht mehr so einfach.

0.2 Der Nachtwächterstaat

Mit dem historischen Erfolg der Staatsidee kamen Regeln in die Welt, die das Zusammenleben erleichtern sollten. Je nach äußerer Bedrohung oder innerem Zufriedenheitsgrad wurden Regeln in neue Gesetze gegossen. Das Prinzip der Gewaltenteilung erwies sich zudem als stabilisierender Faktor.

Im sogenannten Zeitalter der Aufklärung kam die Idee hinzu, dass im Sinne des Rechtsfriedens allen Menschen prinzipiell die gleichen Rechte zugestanden werden müssen.

0.3 Der Staat auf der Couch

Der Ansatz der Rechtsgleichheit zeigte sich in seiner inneren Logik als derart erfolgreich, dass heutige Staaten ihrem Volk gern mehr Gleichheiten versprechen, als die jeweils Herrschenden umsetzen. Die in der Natur der Sache verborgene Vagheit vieler Gleichheitsbegriffe stabilisiert dabei alles Plakative.

Gleicher Zugang zu kultureller Teilhabe, Bildung, Krankheitsversorgung, Altersvorsorge wird ebenso selten gänzlich in Frage gestellt, wie Konsens über seine Verwirklichung erreicht wird.
Der vermeintlich moderne Staat hat insofern einen schizophrenen Charakter entwickelt. Je nach persönlichem Interesse lässt sich für jeden Menschen ein schizophrenes Muster in heutigen Staatsversprechen erkennen.

Der moderne Staat muss also dringend auf eine therapietaugliche Couch. Dies gilt umso mehr, wenn Staatsgläubige der Illusion erliegen, jedes Rechtsversprechen sei einlösbar, gäbe es nur die richtigen Gesetze. Der Vorteil einer solchen Illusion ist fraglos, dass er den Einzelnen ein Nachdenken über ihre Lebensführung erspart. Fruchtbaren Debatten dient dies nicht.

0.4 Der Staat im Bett

Bereits die Hoffnung auf eine Abschaffung individueller Unzufriedenheiten führt in unserer Medienwirklichkeit leider dazu, staatliche Regelungen für Lebensbereiche zu fordern, die bei genauer Betrachtung für jede Art von Normung gänzlich ungeeignet sind.

Um diese staatlich nicht regelbaren Bereiche soll es im Folgenden gehen. Speziell Fragen der selbstbestimmten Sexualität sollen auf ihre staatliche Regelbarkeit hin betrachtet werden. Auf welch dünnem Eis sich eine solche Suche bewegt, mag allein an der Tatsache ablesbar sein, dass natürlich auch in Betten, so wie anderswo, Strafen für Fremdbestimmung oder Zwangsanwendung rechtlich unabdingbar sind.

Profan gesagt: Was hat der Staat im Bett der Zweisamkeit verloren?
Betrachtungen jenseits der Zweisamkeit sollen dabei nur vorläufig ausgeklammert werden.

0.5 Der Staat auf der Bettkante

Während, historisch gesehen, die Religionsfrage und damit die Frage nach einer staatlichen Metaphysik inzwischen mehr oder minder erfolgreich mit Neutralitätsgeboten umgegangen wird, war die Idee einer Normsexualität lange Zeit sehr starr in Gesetzen festgeschrieben. Dies ändert sich zwar langsam, aber die Idee einer Normsexualität findet sich weiter in rechtspolitischen Debatten.

Statt jedoch das Bett wahlweise zur rechtsfreien Zone oder einer verlängerten Anklagebank zu erklären, erscheint es sinnvoller, nach jenen Rahmenbedingungen zu suchen, die das Ausleben möglichst vieler Wünsche ermöglichen.

Gelänge ein Austausch darüber, welche Elemente sexueller Selbstbestimmung rechtlich überhaupt wirksam schützbar sind, könnte vielen Debatten ihre unproduktive emotionale Schärfe genommen werden.

1 (Un-)fruchtbare Debatten

1.0 Das Lieben der Anderen

Das Lieben der Anderen ist mir völlig egal. Trifft es mich und eine andere Person, wird unser Lieben unser Ding. Hier gibt’s keine Regeln. Kein Gesetz, keine Moral, keine Norm bindet uns – außer jenen Absprachen, die wir zwei treffen. Nicht nur die Gedanken, auch die Gefühle sind frei und wie viel wir davon wagen wollen, entscheiden wir immer neu.

Alles könnte zwischen uns geklärt werden, es gibt kein Muss. Und das gemeinsame Schweigen über Einiges schenkt uns verliebte Unbeschwertheit. Früher oder später merken wir, ob wir jenes erhoffte Glück erreichen, das sich für alle anders anfühlt und für das wir Gefühle wagten. Solang uns beide der Aufwand erfreut, wird weitere Klärung gesucht. Sonst endet es.

Ebenso könnten weitere Menschen an unserem Wagnis teilhaben, doch selbst diese Erweiterung steht und fällt mit uns anfänglichen zwei.

Keine heute erdenklichen Umstände werden dies je ändern können. Schwer wird’s, wenn jenes ins Spiel kommt, was bisher verschwiegen wurde: Sex und sein möglicher Rahmen.

1.1 Der Sex der Anderen

Der Sex der Anderen ist mir eigentlich auch egal. Würde es helfen, stellte ich dafür täglich eine Kerze auf, dass immer mehr Menschen dies genauso sehen, behindert es doch das entspannte gemeinsame Reden darüber sehr.

Im Folgenden soll daher betrachtet werden, was leider zu viele Menschen heute noch veranlasst, Regeln, Gesetze und Normen für Sex einzufordern oder gar aufzustellen, bzw. andere dazu bringt, ungefragt diesen Regeln zu folgen.

Ernste Gespräche über körper- und gefühlsbezogene Probleme haben oft einen moralischen Überbau, der gerade die Gefühle und Probleme der einzelnen Menschen ausblendet, um deren persönliche Sexualität es geht. Ein Überbau, der schlimmstenfalls gar soziale Prozesse anstößt, in deren Verlauf sich Menschen den Sexualitätsidealen von anderen Menschen unterwerfen. 

Wegschauen ist nicht länger angesagt. Offene Wunden sind nur dann adäquat zu behandeln, wenn ihre nüchterne Betrachtung gelingt.

1.2 Vom Pulverdampf der Wortgefechte

Keine analytische Betrachtung von Geschlechterverhältnissen kommt ohne die Untersuchung des gesellschaftlichen Umfelds aus, in der diese entstanden. In der Gesamtsicht erinnert dies an ein klassisches Henne-Ei-Problem. Das, was wünschenswert wäre, wird zudem von vermeintlichen Kausalitäten überdeckt.

Die Rolle der reinen Biologie von Geschlechtern steht heute im Wettstreit mit gewachsenen Interessen von Gemeinschaften. „Macho-Gehabe“ und „Mütter-Mystik“ seien hier nur als besonders krasse Beispiele genannt. Die historischen Wurzeln dieser Rollenmuster verursachen zwar oft Kopfschütteln, zugleich werden deren Folgen gern von vorhandenen Besitzstandinteressen genutzt.

Zudem ist oft zu hören, unsere Sexualität sei endlich befreit, doch bei tiefer gehenden Gesprächen im Freundeskreis zeigt sich dann, dass sie doch mehr in Fesseln liegt, als zu erwarten wäre.

1.3 Die Rolle der Genderdebatten

Kaum jemand scheint mit dem heutigen Geschlechterdiskurs wirklich zufrieden zu sein. Zwar wurden zahlreiche neue Lösungsvorschläge probiert, wie begrenzt ihr Erfolg war, zeigt sich am Wachstum der Kakophonie der Problemindividualisierung.

Es wuchert gar der Hass bei gegenteiligen Interessen. Bislang erprobte Lösungen für alte und neue  Konflikte erscheinen wie das Laborieren an Symptomen einer Krankheit, deren Ursachen nicht klar sind. Die Unzufriedenheit mit den Möglichkeiten der eigenen geschlechtsbezogenen Lebensgestaltung spiegelt sich im scharfen Ton aller, die sich benachteiligt fühlen.

Probleme, die im Rahmen der sogenannten Genderdebatte zurecht benannt werden, nach gesellschaftlichen und persönlichen Lösungsansätzen zu durchleuchten, könnte auch Licht, in die von vielen dabei empfundene, verdunkelnde Unübersichtlickeit zu bringen.

Eine echte Hilfe ist auch reine die Geschlechterbiologie nicht, da aus Produkten von unterschiedlichen Zellteilungen keine Norm für Verhaltensformen in einer Gemeinschaft ableitbar ist, sofern auf fragwürdige a-priori-Zuschreibungen verzichtet werden soll.

1.4 Eine Ökumene des Geschlechterdiskurs

Aus dem Dilemma, dass es -abgesehen von den biologischen Fortpflanzungswegen- kein „einzig wahres“ menschliches Geschlechterverhalten mehr gibt, scheinen alle gleiches Recht auf eine Gleichstellung ihrer Besonderheiten ableiten zu können. Eine Erstellung von Handlungsprioritäten bei zum Teil gegensätzlichen Forderungen wird dadurch unmöglich.

Jede Interessengruppe arbeitet ihren Denkansatz weiter aus, aber so etwas wie eine Ökumene der Genderideologien ist nicht in Sicht. Einige schreien rum, einige verstehen den Lärm nicht, die meisten verstehen wegen dem Lärm nichts. Es bleibt keine Ruhe für eine gemeinsame Suche.

2.0 Auf der Suche nach dem Sex von Morgen

Stellt Euch vor, es gäbe keine Namen für Farben. Wir würden alle nur verschiedene Abstufungen von „ganz hell“ über „weniger hell“ bis „dunkel“ kennen. So ähnlich kommt mir die Begriffsarmut im Umgang mit unseren Geschlechterverhältnissen und in der Folge davon mit dem Sex immer noch vor.
Wie kann es gelingen, frei von überlieferten Verhaltensmuster den für die Einzelnen besten Weg zu wirklich gutem Sex zu finden?

Solange die Neuropsychologie uns nicht wirklich klar sagen kann – sollte dies überhaupt möglich sein – was der „beste“ Sex ist, sind wir auf uns selbst und den Austausch mit anderen darüber angewiesen.

Anstatt an einer Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstands zu scheitern, sollen an dieser Stelle Einzelschicksale, Geschichten und Überlieferungen betrachtet werden. Verschiedene – gelegentlich verquere – Zuschreibungen sollen diskutiert und mögliche Folgerungen vom Besonderen zum Allgemeinen angeregt werden. Es dürfte gar müßig sein, wissenschaftliche Erkenntnisse zu referieren, wenn es um eine künftig wünschenswerte Betrachtung der individuellen Art von Sexualität der Einzelnen in ihrem sozialen Umfeld geht.

Die Frage, wann wir Libelle sind, wann Mensch – oder sein wollen, können alle nur für sich selbst beantworten.

Nach diesen Vorbemerkungen nimmt euch Eyke mit zu einem scheinbar zufälligen Gespräch im Regionalexpress nach Köln. Ein alter Freund aus linken Kreisen ist auf dem Weg ins Pascha – einem Großbordell in Köln. Er hatte mit seiner Frau Eva sechs Jahre keinen Sex. 

Berichte vom Menschsein, Teil I.: Sechs-Jahre-Ohne


Welche Gedanken wecken diese Worte? Jahrelanger Sex ohne Verhütung? Ohne feste Beziehung? Ohne Spaß daran?

Der springende Punkt ist, dass wir alle in unserem Leben unterschiedlichste Erfahrungen mit Sex gemacht haben und dies in vieler Hinsicht den höchst individuellen Umgang mit unserem weiteren Sexleben beeinflusst. Machen wir uns auf den Weg zu schauen, welche Möglichkeiten der Bewertung von Sex denkbar sind und welche Folgen das haben kann.

"Schön, dass ich dich hier wiedertreffe. Seit acht Jahren lebe ich übrigens mit Eva zusammen. Sie ist gestern mit einer Freundin in Skiurlaub gefahren. Vor sechs Jahren hatte ich zuletzt Sex, diese Zeit endet heute. Ich gehe ins Pascha.“

Tausend Fragen wollte ich gleichzeitig stellen und konnte mich doch für keine entscheiden. Gerade wollte ich Max antworten, als eine Nonne zu uns in den Regionalzug nach Köln stieg. Sie nahm im Vierer auf der anderen Fensterseite Platz und grüßte uns sanft lächelnd.

Da saß ich nun. Unterwegs im öffentlichen Raum. Zum Schweigen verurteilt. Weil dies in dieser Situation für mich ein Gebot der Höflichkeit gegenüber Dritten war. Um äußerliche Fassung ringend, tobte in meinem Kopf der Hamster.

Was um alles in der Welt, war mit Eva und Max geschehen? Mit ihnen hatte ich in der Schulzeit oft am offenen Kamin unseres Jugendheims die Nächte durchgequatscht. Kaum ein Detail unserer Kindheit hatten wir uns verheimlicht.

Schwere Schicksalsschläge nach der Schulzeit konnte ich ausschließen, dazu war ich noch zu vernetzt mit anderen aus unserem Jahrgang, die mich auf dem Laufenden hielten.

War ich in meiner Wahrnehmung von Max zu biologistisch fixiert? Nur weil ich glaubte, Menschen könnten mit hinreichend Übung dem Kleinhirn entstammende Triebe zwar tage- oder wochenlang rationalisieren oder unterdrücken, aber niemals über Jahre aus den Gedanken verdrängen?

Hatten Eva und Max sechs Jahre einfach nicht an jenen Sex gedacht, der fortpflanzungsrelevante Stimulationen ausnutzte? Gingen Sie einfach so schlafen, träumten körperloses Zeug, wuschen sich auch an ehemals als erotisch empfunden Körperzonen und fühlten keine jener Regungen, die einen speziellen Spaß am Körper und bei eingeübter Anregung tiefste Entspannung versprachen?

Wie konnte Max über solch ein intimes Thema derart abgeklärt sprechen, noch dazu ohne einen Hauch von Mitleid zu offenbaren? Was war mit jenem Regelkreis in ihm geschehen, der aus Neuronenreizung, Hormonausschüttung, Alphawellen, Muskelkontraktionen, Erinnerungen und womöglich weiteren bislang unerkannten Elementen bestand? Seine sexuelle Vita war mir schließlich nicht völlig unbekannt, mehrere seiner früheren Partnerinnen und einen Partner kannte ich gar persönlich.

Max hatte sich unterdessen mit der kuriosen Lage hier im Regionalzug abgefunden, las in einem Buch von Connie Palmen. Von Zeit zu Zeit zustimmend schmunzelnd. Mir war nicht nach Lesen zumute.

Nach endlos erscheinenden 20 Minuten stieg die Nonne aus und wir konnten unser Gespräch fortsetzen. „Du bist bestimmt sehr verblüfft, wie offen ich Dich ansprach. Eigentlich ist es gar nicht so spektakulär. Kennst Du noch das damalige Lieblingslied meiner Eltern: ‚Mama und Papa macht Euch keine Sorgen um mich? Die Babys krieg immer noch ich?‘.“

„Na toll, ich dachte immer, Du verachtest käuflichen Sex? Wie bitteschön verträgt sich das mit dem Pascha?“

„Ach weißt Du, ich habe mich von einigen Illusionen gelöst. Frag‘ mich nicht, wann genau das passiert ist, aber in unserer Gesellschaft wird inzwischen alles als käuflich betrachtet. Schau Dich doch um: Leihmutterschaft, Samen- und Eizellenspende, genetische Risikoreduzierung, was weiß ich. Machen wir uns nichts vor, in dieser Lage eine Heiligkeit des Sex hochzuhalten oder gar als moralische Regel einzufordern, ist ein Kampf gegen Symptome des allgemeinen Kaufrausches. Die Gesetze zu diesem Thema hätte ich nicht so gemacht und ich finde ebenso, der Staat müsste sich hier wie anderswo besser um deren Umsetzung kümmern.

Du kennst mich. Ein Moralapostel war ich nie, mir ist wichtiger, die Menschen in meinem Umfeld achtsam zu behandeln und das hab ich auch im Pascha vor.

Lass mich lieber von meiner Vorgeschichte mit Eva erzählen, dann verstehst du das Ganze vielleicht besser. Als Eva und ich damals zusammenzogen, hatten wir im Plenum unserer örtlichen Basisgruppe seit zwei Jahren eine quotierte Redeliste eingeführt. Egal, um welches Thema es ging, stets standen nach kurzer Zeit mehrere Männer auf der Redeliste. Jene Frauen, die was sagen wollten, kamen immer sofort dran, da ihre Liste üblicherweise leer blieb. Beim Bier danach wurde dies Phänomen zwar öfters angesprochen, aber einen guten Lösungsansatz fanden wir nie.

Bei der damaligen Klausurtagung in der Eifel haben wir beim Eröffnungsplenum dann Nägel mit Köpfen gemacht und beschlossen, den gesamten Folgetag in geschlechtergetrennten Plena zu diskutieren, woran das liegen mag und vor allen, wie es geändert werden könnte.

Eva wollte mir bis heute nie erzählen, was bei den Frauen los war, aber bei uns Männern ging es in der Tat ans Eingemachte. Es ging los mit dem Bedürfnis, eine Debatte in eine produktive Richtung lenken zu wollen. Dann um unsere Wünsche, am Ende das Gelingen eines fertigen Produkts ermöglicht zu haben.

Richtig gut wurde es, als die Frage aufkam, warum gerade unsere Männerhirne dieses Verhalten derart internalisiert haben, dass sich über Jahre genau diese Redelisten-Verläufe immer wieder glichen. Wir landeten so bei Annahme, dass fast jeder von uns sich im Laufe seines Lebens eine bestimmte Art von Verantwortungsübernahme angeeignet hatte, deren Dimensionen bis dahin aber nicht reflektiert wurden.

Ich gelangte dabei zu der für mich bedeutenden Feststellung, dass ich in den Zweierbeziehungen, die ich bis dahin geführt hatte, genau diese Art der Verantwortungsübernahme, die ich eigentlich für wichtig hielt, nie wahrgenommen hatte.

Du magst nun zurecht einwenden, eine Zweierbeziehung sei nicht mit dem Diskussionsergebnis eines Plenums vergleichbar. Aber mir fiel an diesem Tag auf, das ich mein Zusammensein mit Eva überhaupt nie unter dem Blickwinkel einer Gestaltbarkeit gesehen hatte, sondern mich dem damaligen szeneüblichen Dahinplätschern gemütlich eingerichtet hatte.

Noch am Abend sprach ich Eva darauf an. Auch ihr Plenum schien sehr aufwühlend gewesen zu sein und wir redeten die ganze Nacht und den folgenden Tag miteinander.

Eva freute sich zunächst sehr über meine neu entdeckte Redebereitschaft. Wir gingen so durch, was uns bisher aneinander gefallen hatte und was wir vom künftigen Zusammenwohnen erwarteten.

All unsere Freuden und Wünsche schienen zueinander zu passen und bei dem, was offen blieb oder offen bleiben musste, schmiedeten wir freudig Pläne, wie wir es angehen würden. Bis wir über unseren Sex redeten, bei dem bis dahin alles ziemlich gut zu Laufen schien.

‚Wenn wir schon mal so offen reden‘, begann sie, ‚muss ich dir ganz ehrlich sagen, dass ich bisher bei allem wirklich großen Spaß hatte. Nur dieses Pentrationsding brauche ich eigentlich nicht wirklich und habe es immer schon mehr hingenommen als genossen. Ist Dir genau das wirklich wichtig, oder meinst Du, wir könnten das weglassen?‘

Tja, was soll ich sagen, ich fand bei allem, was mir selbst Spaß machte, in der Tat keinen Grund, Eva nicht ernst zu nehmen. Wenn Evas Spaß so ungetrübter bleiben würde und es mir nichts ausmachte, wollte ich ihr gern den Gefallen tun.

Fünf Jahre hatten wir dann eine tolle Zeit zusammen. Doch seit dem letzten Jahr komme ich mir zunehmend auf eine bestimmte Art unvollständig vor, ohne genauer sagen zu können, was das ist. Sechs Jahre ohne Penetration waren genug. Als ich Eva dies sagte, entgegnete sie direkt, sie könne dies Gefühl gut verstehen und es würde sich schon eine Lösung finden lassen. Beim letzten Gespräch, bevor Eva gestern weg fuhr, schlug sie nun spontan vor, dass ich das mit dem Pascha mal probieren soll. Wir wollen anschließend zusammen überlegen, wie wir weiter machen.

So hier muss ich aussteigen, mach's gut und ich hoffe wir sehen uns bald wieder!“

Mit mehr Fragen als Antworten im Kopf blieb ich zurück. Da ich seitdem keine Gelegenheit hatte, länger mit Max zu reden, frage ich mich oft, wie es ihm weiter ergangen sein mag.

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