Wenn Männer weinen

Auf der "Achse des Guten", einem Blatt, bei dem ich niemals schreiben würde, weil sie da ein unerträglich hässliches Layout haben, mokiert sich ein armer früh gealterter Mann über einen vermeintlichen "Zensurwahn" in der aktuellen Debatte. Er fordert ein, "mehr Derbheit" zu wagen.

Bei dem Wort "Zensur" hörte ich auf zu lesen, denn es ist an Blödheit nicht zu überbieten. Dabei ist es egal, ob da "Zensur" oder "Zensurwahn" steht, es ist dieselbe weinerliche Soße. Wir erleben dies dieser Tage immer wieder: in einer offenen Internetgesellschaft, in der sich Hinz und Kunz im WELT-Kommentarbereich und anderswo nach Herzenslust äußern können, wird eine "Zensur" beklagt. Wenn ein Leserkommentar gelöscht wird, wird "Zensur" gesagt, weil es die Betroffenen anscheinend nicht aushalten können, dass ihr Kommentar, vermutlich mit heißem Herzen und so mancher Beschädigung formuliert, im Vorgarten des einen oder anderen Blogs nun mal nicht erwünscht ist.

Dem geneigten Leser ist es selbst überlassen, den Wikipedia-Artikel zur "Zensur" zu öffnen und dort nachzulesen, dass "Zensur" bedeutet, dass ein Text oder sonstiger Content einer Behörde vorzulegen ist, die dann diesen Inhalt als "erlaubt" kennzeichnet – oder eben nicht, was zur Folge hat, dass dieser Inhalt die Öffentlichkeit nicht erblickt und diese ihn ebenso nicht.

Aber, aber, ist es nicht eine moderne Art der Zensur, einem talentierten Schreiber die ökonomische Grundlage für sein Wirken zu entziehen, so dass er gezwungen ist, seine Weisheiten bei Facebook und in Blogs der Welt zur Verfügung zu stellen?

Natürlich nicht. Ich untermale dies mal mit einer kleinen Anekdote.

Als ich im letzten Jahr Kolumnistin beim "Freitag" war, kam es schon kurze Zeit nach dem Start der Kolumne zu einem Shitstorm. Ich, traumatisiert und abgerockt, hatte, sicherlich gekleidet in derbe Sprache, im Internet die Frage gestellt, ob Vergewaltigung und Alkohol nicht etwas miteinander zu tun haben könnten. Eine Vermutung, die durch polizeiliche Statistiken im Übrigen gedeckt ist und natürlich auch durch meine ganz persönlichen Erlebnisse.

Daraufhin haben Feministen jeden Geschlechts beim Freitag angerufen und darauf hingewirkt, dass meine Kolumne eingestellt wird. Denn, wie wir alle wissen, jede Frau kann vergewaltigt werden, mit einer Vorschädigung oder mit Alkohol- oder Drogenkonsum kann das alles nichts zu tun haben. Wer etwas anderes behauptet, lügt, und muss sofort entfernt werden.

Meine Kolumne wurde natürlich nicht eingestellt, aber der Freitag bat mich, den Hinweis auf meine Kolumnistentätigkeit aus meiner Twitter-Bio zu entfernen. Ob dieser Psychoterror letztlich ein erster Tropfen war, von denen noch viele andere folgten, die schließlich dazu führten, dass der Freitag heute keine Lust mehr auf mich als Kolumnistin hat, entzieht sich meiner Kenntnis, meinem Ruf innerhalb der Redaktion förderlich war diese Aktion der Kampagnenfeministen jedoch gewiss nicht.

Bin ich deswegen versucht, von einer postmodernen "Zensur", einem "privaten Totalitarismus" oder eben von einer Parallelität von Psychoterror und Staatsterror zu sprechen? Ganz bestimmt nicht.

Zensur könnte man genauso in dem Gebahren der Redakteurin vermuten, die für mich zuständig war und die mich regelmäßig mit dummen, das heißt "grünen" Bemerkungen nervte. Ich passte nicht in ihren Zeitgeschmack, aber eine Zensur zu behaupten, wäre unsachlich. Da muss man als Edelfeder drüber stehen und wenn man sich selbst von Festredakteurinnen terrorisieren lässt, dann ist bei einem selbst was falsch und nicht in der postmodernen Gesellschaft. Aber gut, davon hat der junge alte Mann bei "Achgut" ja gar nicht gesprochen, sondern lediglich behauptet, irgendwer würde irgendwas zensieren, was, wie die Beispiele und vor allem der präzise Blick auf die Definition von "Zensur" verdeutlichen, unsachlich und weinerlich ist.

Soll er halt mal den Zensur-Begriff und sein blödsinniges Argument prüfen, dann kann er sich schämen und wird hoffentlich nie wieder schreiben.

Nur nebenbei gesagt: Genauso unsachlich wäre es, die vermeintliche Vernichtung von Existenzen - zum Beispiel der von Jan Fleischhauer, der immerhin noch beim Focus schreiben kann, der witzig ist, aber dem eben zurecht seine Möglichkeit genommen wurde, bei Spiegel Online zu schreiben - als eine solche zu bezeichnen. Fleischhauer hat zugegeben, seine entgrenzten Äußerungen in der Flüchtlingskrise auf Tavor getätigt zu haben, einem Psychopharmakon, das die Angst nimmt, was er wegen seiner Ehekrise offenbar permanent nahm. Wer Sch*** baut, fliegt, das musste Fleischhauer zur Kenntnis nehmen, das musste auch ich akzeptieren. Im Übrigen war auch ich auf Psychopharmaka, als es mit dem Freitag zuende ging. Mich stört's nicht, ich kann bei Aldi einkaufen, Fleischhauer hat noch seine Community, alles ist gut.

Ständig "Zensur" zu wittern, nur, weil einige altertümliche männerbündische Praktiken nicht mehr angesagt sind, ist einfach nur ein Zeichen von mangelnder Ambiguitätstoleranz, von schlechter Beweglichkeit, fehlender Sozialkompetenz, und außerdem vielleicht ein Zeichen von typisch männlicher Weinerlichkeit, die heutzutage zurecht nicht mehr durchgehen gelassen wird. Überdies sind solche permanenten Lügen Gift für den demokratischen Diskurs. Das ist einfach Piratenpartei-Niveau.

In ihrer Weinerlichkeit, der schlechten Sozialkompetenz, einer gewissen Heißblütigkeit ähneln manche Männer nämlich jenen, mit denen sie sich permanent zu streiten scheinen. Den Netzaktivisten. Dass sich jetzt Joanne K. Rowling, die unzweifelhaft eine Frau ist,  auf die Seite der Aktivisten-Kritiker geschlagen hat, ist genauso nachvollziehbar wie der Streit von Alice Schwarzer mit den Netzfeministinnen. Wenn man sich sehr ähnlich ist und sich nur in kleinen Nuancen unterscheidet, dann fängt man am schnellsten an, sich am schlimmsten zu zerstreiten. Joanne K. Rowling war lange auf der Seite der queeren Leute, bis sie abgegessen war von deren Störungen, dem permanenten Störfeuer durch die Trans*-Aktivist*innen, die sich neurotisch auf Rowling eingeschossen haben.

Es ist falsch, sich auf deren Niveau zu begeben. Aber man kann es eben nicht mehr anders, wenn man keine Ressourcen mehr hat. Dann fängt man wie Rowling an, im Internet offene Briefe gegen seine früheren Freunde schreiben. Das ist jedoch Kennzeichen für überhaupt nichts Inhaltliches, sondern nur für einen Streit.

Aber, aber, ist im Internet nicht doch etwas Neues? Ein Like-Terror, der jene der digitalen Todesstrafe unterwirft, die von anderen aus unerfindlichen Gründen gemobbt werden, wie du auch mal in einem früheren Artikel geschrieben hast?

Das war ein Witz. Ich habe es damals für Bullshit gehalten, von einer digitalen Todesstrafe zu sprechen, und ich finde das heute und überhaupt war das mit der digitalen Todesstrafe auch von dem Sender vielleicht ein bisschen anders gemeint, was den Begriff kaum weniger blödsinnig macht. Im Internet werden Witze, Nuancen, Zwischenstufen jedoch nicht immer verstanden, weil die nonverbale Kommunikation fehlt – ein weiterer Grund, warum es im Digitalen mehr Streit gibt, Spaltungen, Zersetzung, die jedoch nicht inhaltlich begründet ist, sondern in der Struktur des Internets. Damit müssen wir alle umgehen lernen, und so lange das noch nicht geschehen ist – wir leben in einer Transformationszeit – sollten wir das Internet benutzen, um besser einzukaufen.

Gewiss gibt es auch inhaltlich begründete Zersetzungen, nämlich durch Modernisierungskonflikte, sowie sicherlich solche – man kann es nicht wirklich wissen – die durch Geheimdienstkontakt verursacht wurden, aber das führt zu weit und wird in einem anderen Artikel thematisiert werden. Ich behaupte, dass die meisten Streitigkeiten in der Struktur des Internets begründet sind, worauf die Tatsache hindeutet, dass sich gerade jene zerstreiten, die sich aktuell nahestehen oder früher nahestanden. Wir sehen viele klassische Szenestreitigkeiten. Das Internet führt zu einer neuen Nähe. Wenn es persönlich wird, dann wird es unangenehm. Ad hominem.

Hinzu kommen ökonomische Interessen, wie es die WELT dieser Tage wirklich vortrefflich vorführt. Es geht der WELT nicht gut, wie die sinkenden Abo-Zahlen zeigen. Mehr und mehr müssen die eigentlich noch nie profitabel gewesenen Springer auf der Trollwelle surfen. Ist für Außenstehende ein wunderbares Spektakel und die schlechtesten Texte sind es auch nicht, die dabei herauskommen.

Aber, dieser Like-Terror – ihr von Taube & Falke seid diesem doch selbst unterworfen! Niemand liked eure Seite, was möglicherweise auch daran liegt, dass Facebook euch… zensiert!

Facebook zensiert uns nicht. Wir sind vielleicht Opfer der Tatsache, dass einige Rechtsradikale, Netzaktivisten, Islamisten, Psychos und andere Extremisten es bei Facebook mit ihrer Hetze übertrieben haben, woraufhin ein schlechtes Gesetz namens NetzDG beschlossen wurde, was zur Folge hat, dass Facebook seine Infrastrukturen zur Löschung mehr schlecht als recht aufgeblasen hat. Dadurch geraten wir als Beifang in die Mühlen einer nicht nachvollziehbaren Infrastruktur, die es auch nicht ermöglicht, wieder aus der Blacklist hinauszukommen.

Das Internet ist nicht die Liebe 

„Wenn dir der Zipfelmützenmann nicht gefällt, dann nimmst du dir eben einen anderen“. Diesen Satz hat Margarete Stokowski mal in einen gemeinsamen Meinungsartikel geschrieben. Der Satz ärgert mich heute noch, so bin ich eben, doch meine Meinung wurde einfach wegzensiert.

So ist das eben in dieser Welt, einige sind oben und einige unten, manche haben es schwerer und manche leicht. Taube & Falke hat es mit Facebook schwer und einige Influencerinnen haben es leicht. Manchmal passt es und manchmal passt es eben nicht. Facebook und wir passen nicht zusammen, das ist da eben schwedisch und unser Blog ist jetzt hinter schwedischen Gardinen. Mache ich mich dann zur Sklavin von Facebook, so wie zur Sklavin der Liebe? Natürlich nicht.

Anders als in der Liebe ist es im Internet nämlich möglich, woanders hinzugehen und sich, wenn einem der Zipfelmützenmann Facebook nicht gefällt, einen anderen Dienst zur Verbreitung seiner Inhalte zu nehmen. Man nennt dies „Nischen-Ökonomie“. Auf lange Sicht (Fachwort: „Long Tail“) können wir natürlich auch ohne Facebook eine Community aufbauen, die sich aus Menschen, die sich für unsere Inhalte interessieren, zusammensetzen wird.

Im Internet gibt es keine Zensur, jeder kann ein Autor sein und that's it. Der Streit von Joanne K. Rowling mit den Queer-Aktivisten ist ein Szenestreit und es ist schade, dass sie sich, motiviert durch Verletzungen, die von Neurotikern verursacht wurden, mit den falschen Leuten gemein macht.

Die ganzen Streitigkeiten sind Ausdruck einer Transformationszeit, in der wir glauben, dass alle Sprecher gleich sind. Da müssen auch „die da oben“ noch lernen, sonst wird es wirklich gefährlich für die Demokratie. Aber es gibt Hoffnung und Politik wird eh an anderer Stelle entschieden. Das Internet ist nur Marketing. In der SPD wird aktuell sehr talentiert getrollt, andere versuchen es anders und die Krise des Journalismus ist nicht meine Krise.

Schreibverbote im Internet gibt es nicht und kann es nicht geben.

Wer wirklich gut schreiben kann, der wird schon irgendwo unterkommen, wer das nicht schafft, kann sich auch mal fragen, woran das liegt, ob er Kompromisse machen will oder eben nicht, in meinem Fall, ob er es sich mit zu vielen Leuten verdorben hat, und kann sich im Zweifel ansonsten einen anderen Beruf suchen. Es gibt viele schöne Berufe. Journalist ist eh viel zu schlecht bezahlt.

Und Schreiben ist eh am besten, wenn es als Hobby betrieben wird.



Obacht: hier ging es nur um den Journalismus, das Verkaufen des eigenen Schreibens und das Leben-können von Autorenschaft. Ich vermute, dass im Internet durchaus wichtige Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenhalts verloren gehen, nämlich von links die Solidarität, von rechts die Liebe – warum ich sie für rechts halte, wird noch erklärt – und in der Mitte das Engagement gegen den Antisemitismus.

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