Anna und Arthur halten's Maul

Felix (31) und Thomas (45) sind im Gegensatz zu Anna und Arthur nicht mehr bereit, sich der Omertà der radikalen Linken zu unterwerfen und publizieren jetzt bei der „Achse des Guten“. Das ist traurig. 

Wie ich in einem früheren Artikel angemerkt habe, hat die Webseite der "Achse" ein überaus hässliches Layout. Konkret sind die Zeilen zu lang, die Zwischenüberschriften brechen nicht richtig um, die Schrift ist zu billig, die Farben zu dunkel, alles wie gemacht für den weißen mittelalten Mann mit beginnender Sehschwäche. Natürlich ist es unangenehm, dass unsere Gesellschaft wie jede Gesellschaft die Jugend vergöttert und dass wir Vierzigjährigen keinen Platz in dieser Welt mehr zu haben scheinen, aber muss man dann gleich auf ein Boomer-Portal wechseln? Wie immer gibt es ein Dazwischen, auch in diesem konkreten Fall zwischen dem Wahn der Jugend und den Tag und Nacht am Grill stehenden und auf Facebook pöbelnden Boomern. Wir Vierzig- bis Fünfzigjährigen haben nichts zu melden, niemand verlangt nach unserer Meinung, das ist ein schönes ruhiges Gefühl. 

Traurig, wenn Männer nicht ruhig bleiben können, sondern sich voreilig einem neuen Kontext anschließen, weil sie aus dem alten rausgemobbt wurden. Die Aktion von Felix (31) und Thomas (45) auf der Demo war klasse, der Hass in den Socialen Medien quillt. Aber gleichzeitig mache ich mir um die beiden Sorgen, so wie ich mir Sorgen um die Demokratie und die soziale Gerechtigkeit in Coronazeiten mache. 

Der deutsche Gartenzwerg

Wir stehen an der Bahnstation und küssen uns. Eine ältere Frau, sicher neidisch, mischt sich ein und fragt kritisch, wo denn meine Maske sei. Natürlich habe ich eine Maske dabei, mein Coronatuch, das mich seit vielen Wochen begleitet. Es ist, wenn ich meinen Empfindungen Glauben schenken kann, gemütlicher als eine Maske und schicker ist es allemal. Man kann das Coronatuch als Haartuch oder als Halstuch nutzen, und es innerhalb einer Sekunde hochziehen, wie ein Autonomer im Angesicht der Polizei. Ich habe nichts gegen die Maskenpflicht. Sie ist absurd, aber mir gab sie einen neuen Style. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, mein Tuch ist immer dabei.

Die Oma im Bahnsteig sagt noch mal was: „Es gibt ja viele, die sich nicht dran halten“. Wie ein Gartenzwerg, ein deutscher Gartenzwerg, der zu allem bereit ist, wenn es nur der Ordnung dient. Man sollte dieses Land ganz einfach wieder unter US-Verwaltung stellen, dann wären einige Randgruppen sicherer. „Es ist ja bald vorbei“, sage ich in Richtung des Gartenzwergs, und lächele.

Fürchtet euch nicht

„Fürchtet euch nicht!“ So spricht der Engel im Weihnachtsoratorium, und wenngleich es rein wissenschaftlich bewiesen ist, dass es keine Engel gibt, so ist es von Zeit zu Zeit hilfreich, sich an den schönen Klang des Engels im Weihnachtsoratorium zu erinnern.

Die Furcht treibt die Gesellschaft auseinander. Die Furcht spaltet. Ob es der maßregelnde deutsche Gartenzwerg am Bahnsteig ist oder die Bundes- und Landesregierungen mit ihren immer absurder erscheinenden Anordnungen und Verordnungen, all das treibt die Menschen auseinander und zeigt jenen, die immer schon ein schlechtes Gefühl hatten, wenn es um die Politik und die Behörden des Staates geht, dass diese „nackt“ sind wie der Kaiser in „Des Kaisers neue Kleider“. Absurd. Absurde Verordnungen seit Ende April. Die falschen Corona-Regeln schüren Streit in unserer Gesellschaft, verantwortlich für diesen Streit werden jedoch jene gemacht, die mit dem Finger auf die Bundesregierung zeigen und vorlaut rufen: „Der Kaiser ist nackt!“. 

Die Leute sind noch etwas unerfahren, was Demonstrationen betrifft, sie empören sich über falsche Teilnehmerzahlen von der Polizei, das ist wirklich niedlich. An sich habe ich aber Hoffnung, dass sie den Frame "Freiheit statt Angst" genauso gut ausfüllen können wie die digitale Bürgerrechtsbewegung. 

"Wir sind das Volk"

Vor vielen Jahren habe ich regelmäßig an einer Demonstration namens „Freiheit statt Angst“ teilgenommen. Die Demonstration am vergangenen Wochenende hätte man tatsächlich genauso betiteln können. 

Tja, irgendwie traurig, dass die digitale Bürgerrechtsbewegung zu Freiheit nun praktisch gar nichts mehr zu sagen hat. Die digitale Bürgerrechtsbewegung arbeitet heutzutage hart in ihrem Startup oder in ihrer Partei und sagt nix mehr. Wie Anna und Arthur eben. S' wird nun das Maul gehalten, weil das alles eben doch nicht so ernst gemeint war mit der digitalen Bürgerrechtsbewegung und der Freiheit. Weiß man ja schon seit der Wende 1990, wer da „Wir sind das Volk“ gerufen hat. 

Die inoffzielle Hymne der Coronamaßennahmenkritiker ist dann auch Marius Müller Westernhagens „Freiheit“, ein Song, der zu Wendezeiten ebenfalls angesagt war. Die 90er waren für uns alle bis auf die Dorf-Antifas eine recht flauschige Zeit, und die 90er waren dann mit dem Börsen- und dem Flugzeugcrash der frühen 2000er termingerecht zu Ende. 

Seit dem 11. September 2001 wurde von Rechten wie Schily und Schäuble und von der so genannten Bürgerrechtsbewegung in Deutschland eine Überwachungs-Angst geschürt. Die neuen technischen Möglichkeiten der digitalen Sphäre ermöglichen tatsächlich eine neue Art der Überwachung, die allerdings in Teilen auch notwendig ist, weil alte Kanäle wie „Telefonieren“ von Verbrechern nicht mehr genutzt werden. Die Politik, die Bürgerrechts- und auch die Anti-Atom-Bewegung haben Ängste geschürt, die sich nun in teilweise abstrusen Verschwörungstheorien zeigen. Wie ein Oktopus erwürgt der übermächtige Staat den Bürger mit seinen Strahlen. Atomstrahlen, Genstrahlen, 5G-Strahlen, Amerikanerstrahlen. Nationale Psychose. Sowas kommt von sowas. Wie bestellt, so erhalten.

Das I Ging der politischen Linken in Deutschland

Felix (31) und Thomas (45) haben mit einer Israelfahne „getestet“, ob auf der Demonstration Antisemiten seien. Gelungene Aktion, mit der sie in die BILD gekommen sind. Felix Perrefort und Thomas Maul sind eine Abspaltung der Redaktion Bahamas, die eine Abspaltung der Antideutschen ist, die eine Abspaltung der (radikalen) Linken sind. Das I Ging der politischen Linken. Die Antideutschen halten den Linken den Spiegel vor und versuchen, deren Abgründe sichtbar zu machen. Verräter im eigenen Lager. 

Unter anderem richten sie sich gern gegen behauptete Einigkeit wie sie in der „Wir sind mehr“ Bewegung deutlich wird. Dieser Kampf gut gegen böse ist unpolitisch. Politik ist das langsame Bohren dicker Bretter, ein Gedanke, der im schnell aufgeregten Internet anscheinend nicht bekannt ist. Hier steht jeder mit seinem Profilbild mit seiner guten Identität da und kämpft gegen die Bösen. Hatten wir in Deutschland alles schon, mehr ist nicht immer besser und auch nicht immer wahr. 

Anna und Arthur halten angesichts dieser politischen Situation ‘s Maul und gehen gern auf „Wir sind mehr“ Demonstrationen, weil es da eh um gar nichts Inhaltliches mehr geht und das Ecstasy dann besser rutscht. Anna und Arthur sagen das, was die anderen sagen. Wohin das in Deutschland schon mal geführt hat, wollen Anna und Arthur gar nicht so genau wissen, weil ihnen die Anderen ja schon gesagt haben, wo der Hitler von heute sitzt. Nämlich in den Köpfen der Anderen, die selbstverständlich alle Nazis sind.

"Wir sind mehr, wir sind die Guten"

Anna und Arthur machen gerade ordentlich Wind gegen Felix und Thomas. Generation „Wir sind mehr“ kommt gar nicht darauf klar, dass es Antideutsche gibt, die zusammen mit den ganzen Hitlers von  der anderen Seite gegen die Coronamaßnahmen demonstriert haben. Eine schöne Szenedebatte. Wie Broder inzwischen angemerkt hat, sind auf der Demonstration selbstverständlich Antisemiten gewesen, so wie in einem Zug, in dem er letztens gefahren sei, sicherlich auch Antisemiten waren. 

Auf der Corona-Demonstration, wo angeblich die Nazis beinahe die Macht in Deutschland ergriffen haben, sind sieben Polizisten verletzt worden. Man kann die Demo wohl nicht mit dem G8-Gipfel in Rostock oder dem G20-Gipfel in Hamburg vergleichen, wo jeweils zwischen 400 und 500 Polizisten (Polizistinnen sind selbstverständlich mitgemeint) verletzt wurden. Beim letzten 1. Mai in Berlin wurden 18 Polizisten verletzt. Man kann die Berliner Demo vom vergangenen Wochenende also etwa auf dem Niveau eines Grillfestes mit Biertrinken einordnen, mehr ist beim 1. Mai in Berlin schließlich nicht mehr los. Man kann natürlich auch behaupten, dass da in Berlin die Nazis kurz vor der Machtübernahme standen. Wenn es der eigenen Politik nützt und man keinerlei Moral hat und historische Wahrheit für irrelevant hält, dann kann man das natürlich machen.

„Wir lassen uns nicht spalten“. 

Im Übrigen ist das Versammlungsrecht so konstruiert, dass jeder an einer Demonstration teilnehmen kann. Weiß jeder, der mal eine Demo zu einem kontroversen Thema organisiert hat. Das sollten auch jene wissen, die beim G8-Gipfel in Rostock Seit an Seit mit ungehobelten Brüllaffen von der Interventionistischen Linken (IL) demonstriert haben. Hat mich wirklich angeekelt, wie damals dieser Christian von der IL „Wir lassen uns nicht spalten“ ins Mikrofon gebrüllt hat, nachdem es bei der großen Demo auch unschöne Bilder gegeben hatte. Warum Ende Gelände gerne mit diesen Leuten abhängt, mögen sie gerne mal erklären. Und auch, warum sie ohne schlechtes Gewissen diese linksextreme Parole wiederholen. „Wir lassen uns nicht spalten“. 

Sagt ja Annalena Baerbock von den Schwarzgrünen auch gern mal, wenn sie mal es mal wieder vermasselt hat, richtig aus dem Grundgesetz zu zitieren. Da ist natürlich auch die andere Seite dran schuld. Fehler darf man in der aufgeheizten Gesellschaft, in der man Hitler an die Wand malt, um die eigene Politik kompromisslos durchzusetzen, keinesfalls zugeben. Diese permanente Geschichtsfälschung durch die vermeintlich "Guten", die sich "nicht spalten" lassen wollen, wird inzwischen übrigens von manchen als Relativierung des Holocaustes identifiziert. So weit sind wir schon gekommen mit der Spalterei in unserer Gesellschaft. Denen, die "mehr" sind, ist das freilich egal, sie sind ja die Guten und Antisemiten können sie daher rein definitorisch nicht sein. 

Mir kann man mit "Wir lassen uns nicht spalten" nicht mehr kommen. Schlimmes Trauma. Vielleicht ja auch ein Trauma der Anderen. Wenn man permanent für die angezündeten Autos vom G20-Gipfel verantwortlich gemacht wird, dann muss man maximal gegen die Demo vom vergangenen Wochenende pöbeln. Allerdings sollte jedem vernünftigen Menschen klar sein, dass Deutschland sich von Traumatisierten keine Politik diktieren lassen sollte. 

Homeoffice-Politiker gegen kleine Selbstständige

Warum sich Lars Klingbeil im „Aufstand der Anständigen“ Modus über die Nazis empört, die auf der Reichstagstreppe Reichsfahnen geweht haben, anstatt die Verlogenheit der Debatte um die Pflegekräfte aufzugreifen, ist mir nur zu klar. Die Kleinen in unserer Gesellschaft scheinen SPD und FDP noch egal zu sein, da könnte sich aber bald was tun. 

Schwarz und Grün werden gar nichts für die Kleinen tun. Solche, die sich wegen der Insolvenz ihres Geschäfts oder wegen in Coronazeiten eingeführter Schichtarbeit empören. Corona führt zu mehr Ungerechtigkeit, so wie das in einer Phase der wirtschaftlichen Schwäche nun einmal kommen wird. Die Realität der Politiker ist eine Homeoffice-Realität, die da oben können endlich mal digitalisieren und ökologisch korrekter arbeiten, nämlich ohne Stau. Schon alleine das wäre ein Grund, an einer Corona-Demo teilzunehmen, aber ich als Frau habe da Scheu. Mir würde man solch freches Gebahren schlimmer als einem Mann auslegen. Daher belasse ich es mit derartigen länglichen Blogartikeln.  

Ja, ich habe die Hoffnung, dass die FDP demnächst umfällt und gegen die seit Ende April absurde Corona-Politik der Bundesregierung Stellung bezieht. Die SPD wird hoffentlich bald aus dem Homeoffice vertrieben, sie muss endlich mehr Empathie mit dem Leid der kleinen Arbeiter entwickeln. Ich bin da Mitglied, aber ich werde da nichts machen. Mich regt nichts mehr auf, ich schaue mir das weiter an, im Zweifel kann ich in einer Partei Mitglied sein, die sich irgendwann auflöst, diese Chance gab es seit der Piratenpartei nicht mehr. Der Letzte macht das Licht aus, wenn der SPD nicht bald ein Licht aufgeht, dann erledige ich eben diese Aufgabe auch noch. Mich regt nichts auf. Ich liebe den Coronastyle. 

Die Politik der Bundesregierung ist seit spätestens Ende April absurd. Da muss man sich nicht wundern, wenn absurde Bewegungen aufkommen. Mich stört das Coronagame nicht so sehr, ich mag es ja sogar. Apokalyptische Durchsagen am Bahnhof, mein schönes Tuch, das Hartz fließt und meine Dachterrasse würde mir selbst bei einer Ausgangssperre noch Freiheit ermöglichen. Im Internet findet sich immer jemand zum Quatschen. Persönlich kommt mir das alles sehr entgegen. 

Für Demokratie und Wohlstand für alle

Doch politisch ist etwas im Argen. Viele Menschen werden von Corona an die Grenzen ihrer materiellen Existenz getrieben. Es ist arrogant, wenn die Kritik als zu große Sensibilität der Maskenfeinde verunglimpft wird. Die Arroganz der Homeoffice-Kaste. Diese harte materielle Ebene vermischt sich nun mit den genannten Verschwörungstheorien von links und rechts, die in den vergangenen Jahren vorangetrieben wurden. Wie bestellt, so erhalten. 

Die Politik muss sich ehrlich machen und im Sinne der Demokratie und des Wohlstandes für alle handeln, anstatt weiter absurde Verordnungen zu erlassen, die nur jenen nützen, die in unserem Land Macht und Geld haben. Da wächst die Wut, das Absurde spiegelt sich zurück. 

Die Aktion von Felix (31) und Thomas (45) war eine gute Aktion, egal, ob das eine Trollaktion war oder ob es sich bei der politischen Botschaft und dem Auftreten um eine gut konstruierte Schutzbehauptung handelte, die das Strafbedürfnis der linksradikalen Szene vorwegnahm – oder ob sie von Herzen ernst gemeint war. Arthur und Anna halten bitte ‘s Maul. Wir bleiben links. 


Julia Seeliger beim Wandern im Weinberg Leutesdorf


Kommentare

  1. Warum ist die Maskenpflicht absurd? Gibt's da ne Erläuterung zu?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Lauterbach hat gesagt, dass sie gegen die Aerosole nix bringt. Nur die FFP2-Maske sei hierfür nützlich.

      Im Übrigen wurde die Maskenpflicht auf der Demonstration "eigenmächtig" von der Polizei angeordnet, in den Auflagen war sie nicht. An sich war das Hin-und-Her, wo alles eingeklagt werden müsste, wohl nicht so nützlich. Das wirkte für mich als Bürgerrechtlerin schon sehr nach rotrotgrüner Willkür.

      Löschen
    2. Das trifft auf Alltagsmasken zu - und "nix" ist übertrieben, weil besser als nix sind selbst Schals sowohl für Träger als fürs Umfeld allemal. Und schon eine einfache OP-Maske, die es inzwischen wieder für Centbeträge gibt, verbessert den Schutz noch mal.

      Löschen
    3. Danke für die Aufklärung. Warten wir mal ab, ob Leute von dem ständigen Einatmen des eigenen Auswurfs und von verstaubten Alltagsmasken krank werden. Es gibt ja noch andere Erkrankungen als Corona.

      Was sagst du zu der These, dass die Masken (in Deutschland in feinem Beamtendeutsch "Mund-Nase-Bedeckung genannt) die Leute davon abhalten, den Abstand einzuhalten? Zweitens ist bei der taz ein Artikel erschienen, dass man noch gar nicht weiß, was eigentlich was bringt. https://taz.de/Debatte-um-Corona-Massnahmen/!5707742/

      Löschen
  2. Entweder Einwegmasken oder waschbar, sonst ist das natürlich wieder ein Risiko. Und eigentlich auch nur ein paar Stunden am Stück, nicht den ganzen Tag dieselbe Maske.

    "Noch nicht wissen, was was bringt" ist ein bisschen arg verallgemeinert: Niemand wird bestreiten, dass Masken plus Abstand "was bringt". In dem taz-Artikel wird alles zusammengemanscht: Politik, Wissenschaft als solche, die geltungssüchtigen Wissenschaftler, Studien, Probanden. Fear, Uncertainty and Doubt - fragt sich nur, wer der Konkurrent ist? Anhand der taz-Klientel kann man da seine Vermutungen anstellen ;)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja.
      Dann kommen wir jetzt zum Punkt.

      Es stört mich, was die Masken mit unserer Gesellschaft machen. Wir gehen mehr in Richtung berührungslose Gesellschaft, was mich aus anderen Bereichen schon seit Jahren stört. Dem ist sich entgegenzustellen.

      Löschen
    2. Puh, damit wirst du's aber schwer haben momentan. Das ist Sozialpsychologie, das andere, die Einschränkung persönlicher Freiheiten und wirtschaftliche Einbußen, kann wenigstens rechtlich diskutiert werden, von wegen Gemeinwohl versus Eigennutz und ob die spezifischen Einschränkungen im Einzelfall es wert sind, was das Infektionsrisiko betrifft.

      Hinter den Maßnahmen steht ja auch keine größere Agenda, das ist einfach nur das, was man machen kann, um das Risiko zu minimieren, bis ein Impfstoff verfügbar ist. Und weil das pauschal und hilflos wirkt, bietet es natürlich ein Einfallstor für Verschwörungstheoretiker unterschiedlicher Couleur : von "der Kaiser hat gar keine Kleider an" bis zu "die wollen uns zu gesichtslosen Zombies machen". Wenn Regierung und Wissenschaft schon keine Ahnung haben, sollen sie uns doch einfach in Ruhe lassen mit ihrer Gängelung. Da wird ein Ideal von Expertise und Governance konstruiert, über die Abweichung davon man sich dann trefflich aufregen.

      Löschen
    3. Unpolitisch. Alte Leute erkennen ihre Bekannten nicht mehr. Politik ist mehr als Infektionsschutz.

      Magnus Klaue hat dazu was Gutes in der aktuellen Bahamas geschrieben, hab sie leider gerade nicht da, um aus dem Artikel zu zitieren.

      Löschen
    4. »Dass in der Zeit des sogenannten Lockdowns die Bewohner von Altersheimen und die Insassen von Krankenhäusern, und zwar unabhängig davon, ob sie mit Covid-19 infiziert waren oder nicht, zeitweise keinerlei Besuch, nicht einmal von nahen Verwandten, empfangen dürfen, dass Sterbende gezwungen waren, mit ihren Angehörigen per Bildschirm zu kommunizieren, dass selbst Trauerfeiern ohne leibliche Gegenwart der Trauernden per Zoom oder Skype abgehalten wurden, das alles war nicht einfach nur durch das Faktum der Pandemie präjudiziert - so wenig wie die nach dem "Lockdown" fortgeführten Formen des Homeschooling und Online-Teaching oder die in den Schulen geltenden Kontaktbeschränkungen und Pflichten zum Maskentragen einfach alternativlose Antworten auf die empirisch vorhandene Gesundheitsgefahr sind. Ob unter den Verhältnissen der Pandemie die Möglichkeiten dafür geschaffen werden, dass Alte und Kranke ihren Angehörigen, sofern alle Beteiligten es sich wünschen, einander trotzdem körperlich nahe sein können, oder ob die Angehörigen den Leidenden beim Leiden nur noch zusehen dürfen, ohne selbst gegenwärtig zu sein (eben solche Gegenwart ermöglicht im Grunde erst das Mitleiden); ob Trauerfeiern den widrigen Bedingungen zum Trotz so gestaltet werden, dass ihre notwendige Voraussetzung - die leibliche Gegenwart der Trauernden - ermöglicht oder untergraben wird, das alles sind keine rein gesundheitspolitischen Entscheidungen, sondern gesellschaftliche Antworten auf eine Gesundheitskrise. Wie diese Antworten jeweils ausfallen, das hängt nicht nur von der gesundheitlichen Gefahr ab, sondern vom Zivilisations- und Reflexionsstand der Gesellschaft, die auf diese reagiert. Selbst wenn man all die genannten Maßnahmen als richtig und rational beurteilt, wäre mithin einzugestehen, dass die westlichen Gesellschaften "unter Corona" im Namen ihres gesundheitspolitischen Schutzauftrags in krasser Weise und nationenübergreifend mit ihren eigenen zivilisatorischen Kodizes gebrochen haben.«

      - Magnus Klaue: Tauschverbot. Zum Strukturwandel der Intimität in der Präventionsgesellschaft, in: Bahamas Nr. 85

      Löschen
  3. Politiker und Verwaltungsbeamte haben ab der Kommunalebene mit Bürgern zu tun, denen man es ohnehin nicht recht machen kann: Wenn man zu viel macht, um auf Nummer Sicher zu gehen, wird das beklagt, wenn man gerade das Notwendigste macht, um die Leute nicht zu sehr zu belasten, wird wiederum das beklagt - teilweise von denselben Leuten, ohne Scheiß.

    Das geht von der Kommunikationspolitik bis zu den verordneten Maßnahmen. Deswegen fragt man sich als schlauer Schlipsträger: "Was könnte passieren, wie würde es aussiehen, wenn übelmeinende Medien mir aus meinem Blümchenschlips einen Strick drehen wollen? Was bleibt hängen an mir, an meiner Behörde? Überreagiert oder Menschenleben gefährdet?" Dreimal darfste raten, für was man sich entscheidet im Krisenhandeln :)

    "Literaturkritiker beklagt Bruch mit zivilisatorischen Kodizes" hört sich für eine Kreisverwaltung nicht ganz so wild an wie "Leichensäcke im Altenheim"

    AntwortenLöschen
  4. Klaues Fazit klingt etwas hohl. Warum, lässt sich durch Austausch zweier Wörter einfach darlegen:

    "Selbst wenn man all die genannten Maßnahmen als richtig und rational beurteilt, wäre mithin einzugestehen, dass die westlichen Gesellschaften 'unter FRONTEX' im Namen ihres nationalstaatlichen Schutzauftrags in krasser Weise und nationenübergreifend mit ihren eigenen zivilisatorischen Kodizes gebrochen haben."

    Seine Verwunderung erinnert an Reuls Erstaunen über Polizei-Chatgruppen, in denen der Föhrer geheilt wird. Einen "zivilisatorischen Kodex" brauchten Staaten vielleicht bis 1989. Danach war das unnützer Ballast; wenn nicht staatsphilosophisch, dann mindestens in der angewandten Praxis der "statecraft".
    Einen absoluten "zivilisatorischen Kodex" gibt es ja nicht; das Konzept macht nur Sinn relativ zu einem anderen "zivilisatorischen Kodex" eines konkurrierenden Systems, um diesen als minderwertig zu disqualifizieren.

    Vielleicht sagt die *relative* Aufmerksamkeit, die seitens der Analysten (Analyst:innen? Obwohl, die, die eine gewaltige Meinung haben, sind doch eher eine Schwanzparade) diesem Virus gewidmet wird, mehr über ihren *eigenen* zivilisatorischen Kodex aus, als alles was sie zu Covid-19 so *inhaltlich* schreiben.
    Jedenfalls ist es der ultimative "Fruschtblitzableiter" (Thomas Hornauer) der aktuellen Zeit.

    Aus einer etwas größeren - geschichtlichen oder kognitiven oder epistemischen - Distanz betrachtet, zeigt sich hier "lediglich" die wütend-verzweifelt-hilflose Reaktion des [i]Transhomo excelsior[/i], wenn er mit dem Umstand konfrontiert wird, dass er vielleicht am Ende doch nur ein [i]Nudopan narrans[/i] ist: das kleine Kind, das im dunklen Keller seinen Dauerlutscher verloren hat, und nun greinend mit den Füßchen stampft, um sich nicht allein zu fühlen.

    Der horror vacui des manifesten Kontrollverlusts.

    Dabei ist ein Virus nun wirklich kein Medinawurm oder Pärchenegel oder sonstetwas Komplexes. Insofern erstaunt mich die Anzahl derer, die unbedingt selber ausprobieren wollen, wie das so ist, den Benis in ein Hornissennest zu stecken.
    Was Zivilisationsmenschen halt tun, um sich ihrer *agency* zu vergewissern.

    Literatur:
    Garrett (1994) "The Coming Plague"

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke für den Buchtipp! Ja, an sich versuche ich mich dem Maskenverweigerer zu nähern. Ich seh da aber kein wirkliches staatszersetzendes Potenzial, mal von den Nazis abgesehen, die allerdings eh (und zurecht) schon unter Beobachtung stehen.

      Bin bei Reul noch nicht entschieden, ob er einfach die klassische CDU-Law-and-Order-Politik macht, zu der auch Empörung über alles mögliche ("Kinderschänder", "Schmierfinken" usw.) gehört oder ob er doch mit seinem Amt überfordert ist.

      Es bleibt spannend!

      Löschen
    2. Bei Reul tippe ich auf Option 3: "Beides".

      Löschen
  5. Zum eigentlichen Punkt des Artikels:

    Die Frage "warum setzen sich $Menschen nicht für $Rechte ein" sollte doch einfach zu beantworten sein.
    Vielleicht macht es einen Unterschied, ob man, wie du, die Piraten von innen erlebt hat, oder sie, wie ich nur von außen, aber dabei aus nächster Nähe - mit einer halben Sportzigarettenlänge Abstand quasi -, kennt. Denn Aufstieg und Niedergang der Piraten illustrieren das immanente Dilemma ganz gut - zumindest wenn man sie unmittelbar erlebt hat, aber eben nur als "Bürger und Wähler", ohne mit persönlichen Desiderata drinzuhängen.

    Um sich für irgendwelche Rechte einzusetzen, die einen persönlich betreffen, reicht bei den meisten Menschen ihre intrinsische Motivation vollkommen aus.

    Sich für die Rechte Anderer einzusetzen, deren Inanspruchnahme auf einen persönlich keine (oder sogar negative) Auswirkungen hat, hat eine *wesentlich* höhere Motivationsschwelle.

    So ein Fach.

    AntwortenLöschen

Kommentar posten