Die Chilizucht

Die Chilizucht ist wie die Liebe, sie wird jedes Jahr besser. Einst begann sie mit Tomaten, auch Nachtschattengewächse. Damals, in der Berliner WG, und es schien offensichtlich, dass dieses Lebensmodell keine Zukunftsfähigkeit hatte, als die Mitbewohner die Tomaten nicht mehr pflegen wollten, als sie nach RAF-Mitgliedern und -Anwälten benannt waren und nicht nach den Grünen-Partei- und Fraktionsvorsitzenden wie im Vorjahr. Diese Benennung wurde gewiss als Zeichen meiner Radikalisierung gedeutet, ja, ich bekenne es, ich pflegte aus Sicht der Grünen einen falschen Liebeskontakt. Das Folgende ist nicht bekannt, aber grauenhaft.

Nun also sitze ich in Bonn und züchte immer noch die Chili. „Du betreibst die Paprikaschuchtelei mit einem bemerkenswerten Autismus“, sagten mir meine kleinen Freunde aus dem Internet. Ja, das ist wahr. Immer noch ist es mein Ziel, eine neue Sorte zu züchten, denn, wie meine kleinen Freunde auch kommentierten, „die Chilis betreiben Rasenschande“, das heißt, sie kreuzen sich wild durcheinander.

Dieses Jahr, so dachte ich, habe ich endlich einen substanziellen Erfolg in der Chilizucht erzielt. Meine alte "Sorgenchili" ist im Winter verstorben und ich habe sie standesgemäß im Komposthaufen bestattet. Da sie im letzten Jahr originelle Schoten getragen hatte, die wie die erwünschte Rasenschande aussahen, und zwar einer zwischen Sorgenchili, die eine Piment-D‘Espelette-Kreuzung war, und der Aji Little Finger Orange aus dem Botanischen Garten – rote Farbe wie Piment D‘Espelette, kantig-kleine Form wie die Aji Little Finger – nahm ich aus dieser Schote Samen und streute sie wieder in die Erde aus. Es wuchsen tatsächlich interessante Zwergpflanzen heran, die riesige Schoten tragen. Ob sie orange oder rot werden, fragte ich mich? Kurz schien der Traum von der Zucht einer guten neuen Sorte Realität zu werden. Ich, ein wahrer Chilizüchter! Nicht nur Pflanzen aus Samen und Bestellpflanzen heranwachsen lassen. Nein, mit Methoden der Genetik etwas gänzlich Neues erschaffen. Nach zehn Jahren – das Ziel erreicht. Die Chilizucht.

„Das Gedächtnis ist die Versammlung des Denkens“. Man soll keine Heideggerwitze machen und den Sünder am besten gar nicht lesen, denn über das Sein hat der heilige Augustinus mehr als tausend Jahre vorher schon mehr und besser alles gesagt: „si enim fallor, sum“.

Selbst wenn ich mich täusche, bin ich. Denn wer nicht ist, kann sich auch nicht täuschen. Und demnach bin ich, wenn ich mich täusche. Weil ich also bin, wenn ich mich täusche, wie sollte ich mich über mein Sein täuschen, da es doch gewiss ist, dass ich bin, gerade wenn ich mich täusche?

Was für ein genialer Gedanke und nicht nur besser als der gruselige Heidegger, sondern auch als Descartes, den ich aufgrund seines Cogito ergo sum abgelehnt hatte und dessen Cogito ergo sum auf Augustinus aufbaut. Noch habe ich diese Ideen nicht verstanden. Was ist denn der Fortschritt von Descartes gegenüber Augustinus? Vermutlich die Aufklärung. Ich begreife das nicht. Denn auch wenn ich nicht denke, bin ich doch. Wenn ich mich täusche, ob in der Liebe oder in der Chilizucht, bin ich.

So täuschte ich mich jahrelang in meiner Rocoto, wegen der Form ihrer Früchte auch Apfel-Chili genannt. Ich hatte aus dem Botanischen Garten vor Jahren im Herbst Rocoto-Schoten erhalten und die Samen im Frühjahr zu Pflanzen heranwachsen lassen. Doch oh Schreck, die Pflanze wirft fortwährend ihre Blüten ab und setzt keine Früchte an. An die Infertilität mochte ich nicht glauben, da sie in einem Jahr tatsächlich eine einzige Frucht angesetzt hatte. Fehlte ihr etwa nur der geeignete Partner? War es nicht gut, dass meine Rocoto nach dem Versterben ihrer Geschwister alleine war? Ich fragte sogar den Hausmeister, der seinerseits Chilizüchter ist, ob er "zufällig" Rocotos da habe und mir eine zur Befruchtung meiner störrischen Pflanze überlassen könnte. Doch leider ergab sich keine unkonventionelle Lösung für das Rocoto-Problem. Daher kaufte ich dieses Frühjahr im Versandhandel eine "Rocoto Marlene". Und siehe, sie trägt Früchte, während das Eigengewächs weiter den Gebärstreik probt.

Die Chilizucht ist, ernsthaft betrieben, das wahre Sein. Während das Herumprobieren mit der selbst gezogenen Rocoto nicht wirklich zum Züchtererfolg führte, entpuppen sich die aus Sorgenchilis Samen neu gezogenen Zwergpflanzen als profane Piment D‘Espelettes, was mir entgegen kommt, da Piment D‘Espelette (baskisch: Gorria) eine meiner Lieblingssorten ist. Eine klare, jedoch nicht mörderische Schärfe. Ein cremiges Rot. In eigentlichen Form, wie sie heuer auf meinem Dachgarten wieder aus dem Genpool herangewachsen ist, eine wirklich starke Pflanze. Kräftige Schoten, die wie echte Piment D'Espelettes aus dem spanischen oder französischen Baskenland aussehen und nicht wie F1-Generations-Schoten von Baumarkt-Pflanzen. Um den Zwergwuchs zu bekämpfen, habe ich sie umgetopft. Auch das Umfeld beeinflusst, das sollte man nie vergessen.

Ein Garten ist in vielerlei Hinsicht nützlich für die Lebensverbesserung. Niemand anderes außer dir ist verantwortlich für die Pflanzen, denn sie sprechen nicht, sie gehen nicht spazieren und ernten doch Energie von der Sonne. Ich habe zurzeit arge Probleme mit der Calciumversorgung. Man erkennt dies an den Chilis, aber auch an einigen Tomaten: braun eingefallene Wände zeugen davon, dass hier etwas gehörig schief läuft. Bei den Tomaten zeigt sich der Mangel in der Calcium-Mangel-Krankheit Blütenendfäule. Wenn dein größtes Problem die Blütenendfäule ist, dann ist das das wahre Himmelreich.

Heute dann das Todesurteil: die erste Tomatenpflanze musste im Komposthaufen bestattet werden. Es handelt sich bei meinen Tomaten in diesem Jahr leider um Tomaten ohne Raum, da meine Dachterrasse repariert wird und sich der Garten daher in einen Seitengang verlagert hat. Ich habe jeweils zwei Tomaten in einen großen Topf gepflanzt, vermutlich fangen sie an, sich um die Nährstoffe zu streiten und am Ende hat keiner was gewonnen. Das Gegenteil von Teamwork. Da muss dann rabiat mit der Gartenschere für Ordnung gesorgt werden. Die Schwachen kommen weg. Wer keine glänzenden Tomaten mit ansehnlicher Haut liefert, hat sein Lebensrecht verwirkt. Darwinistisch, aber so muss man mit Pflanzen umgehen.

Der Komposthaufen steht für den ewigen Kreislauf des Lebens und so werden die gefährlichen Augustinus-Gedanken auch mit ein bisschen Buddhismus aufgemischt. In diesem Sinne: Namasté. Oder auch: Guten Appetit! Nutzpflanzenpflege ist Leben.




















Kommentare