Die Saite ist gerissen

Hier geht es um Trauma-Heilung. Zum nunmehr dritten Mal wird an dieser Stelle mehr schlecht als recht die Stokowksi-Kolumne parodiert. Stokowski ist gerade krank und daher wird von Taube & Falke ein thematisch passender Content ins Internet gestreamt, damit die Fans nicht hungern und dürsten müssen, sondern mit Wissen gesättigt und getränkt werden, auf dass sie weiser werden.

In den ersten beiden Folgen der Ersatzkolumne ging es um Sport und um Mode und Musikgeschmack, heute geht es ums Musik selbst machen und anhören.

Als Experte für alles vermag ich selbstverständlich auch hierzu etwas einzubringen. Zufällig ist nämlich genau gestern die E-Seite meiner Geige gerissen. Ich habe kürzlich wieder begonnen zu spielen und bemerkte irgendwann, dass die Tonleitern nicht stimmen. Wer mal Klavier gespielt hat, als Kind die Tonarten auswendig gelernt  und das mathematische Wissen der Saitenteilung in sich aufgenommen hat, kann keinesfalls längerfristig auf einer falsch gestimmten Geige spielen.

Man muss die Seiten Geh Du Alter Esel stimmen, also G, D, A und E. Ich hatte die E-Seite jedoch auf D gestimmt. Man macht doch immer mehr Fehler, als man sich zutraut. Auf jeden Fall musste der unerträgliche Zustand sofort beendet werden.

So begann ich an dem Holzinstrument herumzudrehen. Man stimmt die Geige an sich mit den kleinen Rädchen unten, was ich in einem halben Jahr Geigenunterricht bereits erlernt hatte. Wie das Unglück es jedoch will, habe ich einiges wieder vergessen. Das Unglück nahte. Ich drehte an der Schnecke und löste das kleine Rädchen unten bis zum Anschlag. Was tu ich hier und warum? Von Anfang an war ich nicht zimperlich mit meiner Geige gewesen, die im Übrigen eine Leihgeige ist (Kostenpunkt 15 Euro/Monat). Eine Geige ist ein Gebrauchsgegenstand! Jeder Pole sollte eine an der Wand hängen haben! Nur keine Angst! Pling, da war war es geschehen.

Zum Glück hat mir die reißende Seite kein Auge ausgestochen, eine familiär bedingte Angst, die ich beim Stimmen immer mit mir herumgeschleppt hatte und die nun hoffentlich beseitigt ist. Nun muss ich auf drei Saiten spielen, bis die im Internet bestellte E-Saite in meinem Postkasten ist. Ist nicht weiter ein Problem, wenn man zum Beispiel in einem Zeltlager in der Wüste ist, dann muss man auch mit drei Saiten weitermachen, wenn die vierte gerissen ist. Wir hatten ja nichts.

Üblicherweise spiele ich zu Neofolk. Meine Gothic-Uhr, die ich in dem Artikel zu Mode, Stil und Musikgeschmack bereits vorgestellt hatte, trage ich zum Geigen nicht, da der an ihr angebrachte Totenkopf – Vanitas! - ganz bestimmt am Geigenhals klappern und an den Seiten kratzen würde. Ich achte wirklich auf alles, auch auf Ruhestörungs-Sozialnormen. Denn meine Nachbarn wären bestimmt genervt, wenn sie mein Gegeige ungefiltert hören müssten. Daher erfreue ich sie mit einer Neofolk-Übertünchung. Sie sagten mir schon, dass sie Morrissey nicht mögen, da kommt Neofolk gerade recht zur Neutralisierung von Anfänger-Gegeige. Neofolk kommt auch gut bei der Einhaltung des beim Geigen auf den ersten Blick überraschend wichtigen Taktes.

Ja, es ist wahr. Nun auch noch Neofolk. Nachdem ich meine Identität nach dem jahrelangem Techno-PTBS-Terror mit den politisch äußerst korrekten Sisters of Mercy wieder aufgebaut habe, war der Weg ins Rabbithole unvermeidbar. Man gerät bei Youtube schnell vom einen an das andere. Die Algorithmen führen einen immer weiter fort, dorthin, wo das Begehren und die Aufregung ist. Neofolk ist eine verbotene Frucht. Ich bin eigentlich versucht, ungefähr 20 Lieder direkt bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien einzureichen, doch leider bin ich nicht anregungsberechtigt.

Daher bleibt mir nur der Weg, mich per E-Mail an befreundete Musik- und Rechtsextremismus-Wissenschaftler zu wenden, um dieser Sucht zu entkommen. Die rechtsextreme Gefahr lauert überall, da ist es gut, dass es engagierte Medien gibt, die dem mit Nachrichtenframing entgegentreten. Wir schaffen Demokratie und Pressefreiheit ab, um sie zu retten. „Heil Neofolk!“ kann ich dazu nur sagen. Eine neue Ästhetik, ab auf die Fackelwiese und mit Mathilde Ludendorff der Ariosophie huldigen, einer heutzutage fast gänzlich unbekannten Religion, die unter anderem auf dem Gedanken basiert, dass Jesus nicht am Kreuz gestorben ist, sondern nach diesem Zwischenfall nach Indien gegangen ist und dort 125 Jahre alt wurde.

Es ist alles nicht so schlimm. Manche scheinen einfach nicht zu retten.

Die Geigen-Saite ist gerissen, das Gespräch abgerissen, die Postmoderne ist der Bruch, unser Jahrhundert wird ein deleuzianisches. Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.

Wir haben unsere Welt verloren
was übrig bleibt
schleppen wir jetzt in Koffern
durch halb Europa 
an alle Welt uns ausgeschenkt
vom Leben unbesiegt
was uns eint 
ist der Verzicht


Der postmoderne Diskurs nach Auschwitz ist verloren. Jede Debatte strebt auf Hitler zu, hat Mike Godwin festgestellt. In den Echokammern wird nicht gesprochen, sondern die eigene Meinung bestätigt. Nur die Schizophrene klingelt immer und will auf meiner Geige spielen oder mich zumindest dabei beobachten. Der Schizo ist der wahre Mensch, sagt Deleuze, und da hat er recht. Die Schizophrene äußert sich geschlechtsuntypisch unhetero und völlig arglos bezüglich meines Geigenspiels und ist auf meinen Stilberater vermutlich eifersüchtig. Als ich ablehne, beschimpft sie mich und sagt, ich solle Kinder bekommen. Auf der Straße meinen Namen rufend, zwei Runden durch die Bonner Innenstadt drehend, mal so, mal so, Differenz und Wiederholung, zieht sie von dannen.

Willkommen in meinem Leben. Ich habe dann mal wieder die Klingel abgeschaltet und überlege noch, ob ich sie anzeigen soll. Hilfreich wäre es vielleicht, bei Christian Herwartz nachzufragen, dem Erfinder der Straßenexerzitien, wie man in einem solchen Fall vorgeht.

Ich werde ihn fragen, aber ich kann mir schon denken, was er vorschlagen wird. Ich soll am besten eine Runde auf der Geige spielen, um die Zwischentöne des Lebens besser spüren zu können und noch mehr Genauigkeit beim Zuhören zu erlangen. Damit hat er natürlich recht.


Philosophischer Hintergrund: "Der Faden ist gerissen"
In diesem Band sind die Texte versammelt, in denen Deleuze und Foucault direkt aufeinander Bezug nehmen. Es ist oft von einem „neuen Denken“ die Rede, das Dialektik, Widerspruch, Negation, Subjekt und Totalität verabschiedet, von einem Denken, das Vielheiten und Differenzen affirmiert.

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