Hass im Netz

Wer sind diese Trolle eigentlich?

Viele fragen sich nach dem Grund für den fortwährenden Streit im Internet. Eine Erklärung, die viele Anhänger findet, ist jene von hassenden Persönlichkeiten, die uns das Leben im Netz schwer machen. Ich befasse mich aufgrund eines Buchauftrags und, ich gebe es zu, aufgrund meines Forscherdrangs und meiner persönlichen Suche nach Antworten, seit 2013 mit dem Thema. 

Seit 2013 hat sich in der Debatte viel geändert. Damals galt der Troll noch mehr oder weniger als lustiger Spaßmacher oder allemal harmloser Querulant, heute ist er zu einem Monster geworden, der die Demokratie bedroht und weggesperrt werden muss. In Deutschland wurde auf Initiative von Heiko Maas das Netzwerkdurchsetzungsgesetz beschlossen. Kurz gesagt können nun große Plattformen mit Bußgeldern belegt werden, wenn sie zu wenig gegen die so genannten Hasskommentare unternehmen. Gefordert wird aktuell, es auf Messengerdienste wie Telegram auszudehnen. Übrigens ein Gesetz, das von autoritären Staaten inzwischen fleißig kopiert wird. 

Zu Hass im Netz sind inzwischen zahlreiche Publikationen erschienen, die zumeist den Troll in die Nazi-Ecke rücken. Studien des BKA legen ebenfalls nahe, dass die große Zahl der Hasskommentare aus der rechten Ecke kommen. Ist es da nicht gut, diesen entgrenzten Kameraden mit einem autoritären Gesetz an den Pelz zu gehen? Man sieht doch in der ehemaligen DDR, dass alles ruhig war, so lange die StaSi hier für Ruhe sorgte, erst jetzt gehen die entgrenzen Bürger auf die Straße und fordern etwas ein, was kaum ein anderer Mensch als nur sie selbst versteht. 

Dem geneigten Leser zeigt sich hier, sofern er oder sie Demokrat ist, hoffentlich schon das Problem. Sicher kann man da freilich in Zeiten von Schwarz-Weiß-Denken in Social Media und der Erodierung des demokratisch-freiheitlichen Denkens nicht sein. Die Bundesrepublik Deutschland ist weder ein autoritärer Staat wie Belarus, Russland oder die DDR. Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer Rechtsstaat, so steht es in unserem Grundgesetz, und sie hat die Meinungsfreiheit zu verteidigen und herzustellen. Sie ist auch ein sozialer Bundesstaat und hat die Verhältnisse zwischen oben und unten gerecht auszugleichen. 

Die Hassenden sind oftmals enttäuschte, verbitterte Leute. Sie brauchen Liebe, und zwar nicht die falsche, organisierte Liebe, eine enttäuschende Liebe, wie sie von strukturell psychopathischen Veranstaltungen wie der re:publica und ihren Anhängerinnen, den grauen Herren unserer Zeit, propagiert wird. Dieses verlogene Versprechen der organisierten Liebe macht alles nur noch schlimmer. Social Media tut so, als stelle es Nähe her, dabei werden die Hassenden am Ende doch alleine gelassen, sie bleiben im Dunkeln, die anderen sind im Licht, die im Dunkeln sieht man nicht. 

Die Hassenden zu Nazis machen

Die Hassenden zu Nazis zu machen oder sie auch nur mit ihrem Hass alleine zu lassen und ihnen psychische Störungen wie Macchiavellismus, Narzissmus, Psychopathie und Sadismus zuzuschieben, ist falsch. Vielmehr sind diese Störungen in den sozialen Medien, vermutlich sogar in unserer neoliberalen Moderne enthalten und zeigen sich in jenen, die nicht mehr in der Lage sind, das Gesicht zu wahren. 

Ingrid Brodnig, Aktivistin aus Österreich, hat vor einiger Zeit ein Buch mit dem Titel „Hass im Netz“ geschrieben. Es ist geschrieben wie eines dieser typischen amerikanischen Psychologiebücher, einige durchaus interessante Studien gespickt mit persönlichen Erlebnissen, schnell zu lesen. Ergänzt wird das wissenschaftliche Setting mit einigen Verhaltens- und Rechtstipps. Wie kann ich den Troll am besten anzeigen? Immer Screenshots machen. Ein paar anscheinend eher zufällig ausgewählte Beispiele für reale Trollereien runden das flüssig geschriebene Werk ab. Thesen wie "wer sachlich argumentiert, hat es immer schwerer" und Beleidigungen, die ihr im Netz begegneten, werfen ein Schlaglicht auf Brodnigs eigene Probleme. 

Der Troll und der Glaubenskrieger

Brodnig vereinfacht sodann im Reflexionsteil des Buchs die Typen der Trolle von der eben genannten „dunklen Tetrade“, die in einer der wesentlichen Trollstudien als Motivation für das Trollen ausgemacht wurde, auf zwei Typen: den Troll und den Glaubenskrieger.

Während der Troll „for the lulz“ trolle, also zum Spaß, wäre der Glaubenskrieger ein politischer Aktivist, der insbesondere in der Flüchtlingskrise gegen ein offenes Österreich hetze. Brodnig ist Österreicherin und das Buch wurde vor der Wahl van der Bellens zum österreichischen Bundespräsidenten geschrieben, zu einer Zeit, als in Österreich befürchtet wurde, die FPÖ würde „die Macht übernehmen“ und Demokratie und Rechtsstaat in unserem kleinen Nachbarland abschaffen. Die Auseinandersetzung zwischen Van der Bellen und Hofer ist auch dahingehend interessant, als dass hier zwei tendenziell hetzerische Seiten der Medaille aufeinandertrafen, nur, dass die eine Seite nicht sieht, dass sie auch unlogisch und schablonenhaft argumentiert.

Als ehemaliges Mitglied der Grünen sehe ich nämlich die durch eine „Kinder an die Macht“ Sichtweise geprägte ökopopulistische Wende der Grünen in Deutschland nach Habeck und Baerbock mit zunehmender Irritation. AfD und Grüne sind zwei Seiten derselben infantilen Medaille, Kinder haben noch keine Impulskontrolle und kindisch ist diese Politik.

Die andere Seite ist schuld

Im Internet sind wir allen nah und damit ist umzugehen. Brodnig hingegen schiebt, so wie es sich für eine Aktivistin, nicht aber für eine Journalistin und Trollforscherin gehört, den schwarzen Peter in ihrem Buch einseitig den sich äußernden, ihr nicht gefallenen Einzelpersonen von der anderen Seite zu. Der Troll und der Glaubenskrieger, das sind immer die anderen, die Anhänger der FPÖ, die Flüchtlingsfeinde und die alten Männer. Sie, die jungen Frauen, die Ökologen, jene, die in die Zukunft denken, sind die Guten. Die Anderen, die ihrer goldenen Vergangenheit nachtrauern, weil sie keine Rente haben und die nicht ruhig in ihrer Laube sitzen können, die sich sorgen, weil der Sozialstaat abgebaut wurde, die sind die Bösen. 

Gefordert wird auch von ihr eine Art „Knigge“ für das Internet. Es soll sich besser benommen werden, es soll nicht beleidigt werden, es soll eine angebliche Empathie gezeigt werden. Wenn nun aber Empathie als Vehikel genutzt wird, um seine eigene Meinung im Netz durchzusetzen, dann geht es schief. Brodnig fordert auch ein NetzDG für Österreich und damit reißt sie sich selbst die freiheitliche Maske vom autoritären Gesicht. 

Frauenpolitischen Fortschritt erreichen wir nicht, indem wir die uns nicht gefallenden Meinungen derjenigen wegblocken, die keinen Fortschritt in ihrem Leben mehr erkennen. Der populistischen Gefahr begegnen wir nicht mit Populismus, sondern nur mit sozialem Fortschritt, der die breite Masse der Bevölkerung, kurzum, die Mitte der Gesellschaft erreicht. 

Populismus gegen Populismus

Die Gedanken in der Mitte scheinen jedoch aktuell wegzubrechen, es geht nicht mehr um den sozialen Fortschritt, sondern es werden Rechte propagiert, Frauenrechte, Bildungsrechte, Chancen, Chancen, Chancen, und derweil wird weiter beim Staat Personal abgebaut, die Institutionen werden zusammengepart und Infrastrukturen nicht nachhaltig repariert. Streifenpolizisten durch Kameras ersetzt, das Jobcenter ist eine Billig-Behörde und die SPD kann, wenn sie nicht bald aus dem Loch kommt, gar nichts mehr dazu sagen und erst recht nichts tun, weil sie zwischen den Populisten von links und rechts zerrieben wird. 

Hass im Netz ist nicht nur ein Zeichen einer Transformationszeit, in der wir alle noch lernen müssen, gerecht mit dem Gesprächspartner gegenüber umzugehen, mit seiner Dummheit, seinen Beschädigungen, seinen Sorgen und Nöten, die ihm wichtiger erscheinen als das große Ganze und die er, wenn er mal einer mächtigen Frau mit vielen Followern wie Ingrid Brodnig begegnet, endlich mal jemand Wichtigem erzählen kann. Hass im Netz ist auch ein Zeichen für reale soziale Probleme, die in unserer Gesellschaft weiter nicht angegangen werden. 

Viele von uns erinnern sich gar nicht an früher, als es noch soziale Dienstleistungen vom Staat gab. Gerade die jungen Aktivisten haben oft ein neubundesrepublikanisches Mindset, sie finden es normal, wenn nicht die Stadt dafür sorgt, dass die Stadtbäume gegossen werden, sondern dies an die Bürger outgesorct wird. Sie finden es normal, dass es keine Streifenpolizisten mehr gibt, sondern dass die öffentliche Sicherheit durch Kameras und die Bürger selbst hergestellt werden soll. 

Würden sie den Trollen, die noch aus der DDR, aber auch aus der alten Bundesrepublik stammen, zuhören, dann könnten sie etwas über soziale Gerechtigkeit lernen. Und die als Trolle Verunglimpften könnten von den jungen Leuten lernen, dass Umwelt wichtig ist, welche Musik es heute gibt und wie schön das Leben doch sein kann, wenn man gemeinsam mit anderen politisch aktiv ist. Wenn man nur mehr miteinander reden würde und sich weniger gegenseitig hassen und verachten würde. 

Ingrid Brodnig: Hass im Netz – Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können (2016, Christian Brandstätter Verlag, Wien)


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