Lauern Tag und Nacht

Mit dem Computer die Welt kontrollieren, na, wie schön wäre das denn? Auf jeden Fall kann man mit seinem Computer die eigene Welt kontrollieren oder eben sich mit einem schlechten Computer die Arbeits- und Gehirnstrukturen zerstören. 

Ich bin nicht so ein Übermensch wie unser Gastautor Michael, der seinen Morrissey-Artikel alleine mit dem Smartphone geschrieben hat. 

Lange dachte ich: Linux ist schuld. Linux, du paranoider Autist, in deinem Universum ist alles gut, aber kaum möchte ich mit einem Windows-Nutzer kommunizieren, dann kommt es zu Problemen, denn der Windows-Nutzer ist aufgrund seines Rechners oder seiner mangelnden IT-Kompetenz manchmal nicht einmal in der Lage, mit Linux erstellte PDFs zu öffnen. Die Kommunikation gerät auf Abwege, Fehler lassen sich nicht mehr eindeutig zuordnen und schon gar nicht reproduzieren, weil der Windows-Nutzer nun mal nicht weiß, was er tut und die Schuld dafür - die schiebt er dem Linux-Nutzer zu. Victim Blaming!

So gewöhnt man sich als Linux-Nutzerin, die wie ich nicht über tiefere Bash-Kompetenz verfügt, sondern Linux nur aus Gründen der Nettigkeit gegenüber den Jungs vom CCC und wegen der universellen Anpassbarkeit des Desktops benutzt, ein devotes Wesen an. Ich bin schuld, oh Herr, ja, Windows-Nutzer, ich verdiene es, depressiv zu sein, denn ich nutze Linux, ich bin außerhalb der Welt, ich darf nicht Teil der Gesellschaft sein und wenn ich es doch einmal versuche, dann kommt es stets zu Kommunikationsproblemen, an denen nur ich schuld bin. Ich armer Sünder. Ich nehme dies auf mich, denn es soll Frieden sein in der Computersphäre. 

Vergessen die Zeiten, als Windows ständig den blauen Bildschim zeigte, schwerer Ausnahmefehler, drücken Sie dies, drücken Sie das und nichts wird passieren, drücken Sie Strg + Alt + Entfernen, um aus der verfahrenen Situation escapen zu können. Entfernen Sie das Windows, damit Ihre Probleme verschwinden. Anders als so manche Feministin hat der "Affengriff", "Todesgriff" oder eben "Klammergriff" sogar einen Wikipedia-Artikel

Als Windowserfahrene der frühen Nuller Jahre war ich beim Manipulieren dieses Betriebssystems schnell im Fortgeschrittenenstatus. Als ich mal für den Betrieb meines CD-Brenners Platz auf der nur 1,2 Gigabyte fassenden Platte brauchte, löschte ich kurzerhand alle Programmbibliotheken, der Hintergedanke: "Bibliothek? Geh ich nicht hin, brauche ich nicht". Feels good, endlich wäre der Platz da, um 650 Megabyte, welche eine CD-ROM fasste, auf den Rechner zwischenzuspeichern. So erwarb ich eine gewisse Robustheit im Umgang mit Betriebssystemen. Später machte ich mir bei meinen Mitbewohnern als Viren Hunterin einen Namen, außerdem fuhr ich über das Haus-Netzwerk den Rechner eines Mitbewohners runter, der sich Pornos runterlud. So nicht, keine Viren in einem katholischen Haus! Strukturiertes Löschen hat seine Vorteile, manchmal tut es aber auch das unstrukturierte Löschen, weg mit dem Dreck. Sobald format c: eingegeben war, wurde mein Körper von einer wundervollen Reinheit durchströmt.

So lange man ein Backup hat, kann nicht viel passieren. Kein Backup, kein Mitleid, heißt ein bekannter Adminspruch. 

Das Internet ist immer noch ein interessantes Umfeld, menschliche Abgründe tun sich dort auf und tagtäglich führen Menschen dort Spektakel auf, die man mit einigen Recherche- vulgo Lauerkompetenzen optimal abrecherchieren und anreizen und das Ergebnis dann wieder abrecherchieren kann. Dies ist das ruhige Lauern. 

Ich habe meine Lauerstation nun professionell aufgesetzt. Kurz hatte ich meinen Informatik-erfahrenen Bruder Felix vollgejammert, er möge mir doch bei der Zusammenstellung eines Windows-Towers behilflich sein, doch er blieb hart. Vermutlich schrieb er seine Nichtverstehen kommunizierenden Antworten von einem Mandriva-Linux aus, genaueres ist mir entfallen, vielleicht war es auch Fedora. Der nächste Felix, den ich fragen wollte, war Felix von Leitner, kurz Fefe, seines Zeichens hart arbeitender Microsoft-Bugfischer, man braucht für jedes Thema seine Experten, doch dazu kam es nicht mehr.

Es ist keine forensische Lauerstation, die ich aufgesetzt habe. Wie man so etwas macht, lässt sich in diesem Ratgeber (PDF) des BSI nachlesen, worin sich unter anderem der Hinweis findet, dass der Bundestrojaner auch "Computerzecke" genannt wird (Seite 35). Doch meine Lauerstation verfolgt andere Ziele. Ziel ist nichts als das ruhige Lauern. 

Die Station soll bei Tag und Nacht funktionieren und keine Schmerzen verursachen. Lauert man mit einem alten Thinkpad, so kann es passieren, dass sich aufgrund des in Adminkreisen manchmal "Klitoris" genannten Maus-Knubbels Sehnenscheidenerkrankungen einstellen. Auch ist die Tastatur nicht von Dauer, E und I fallen zuerst ab, dann fliegen einem die weiteren Buchstaben um die Ohren und mit dem Staubsauger darf man dann gar nicht mehr anrücken. Je jünger das Thinkpad, desto schlechtere Qualität. Nichts gegen die Chinesen, die die schönen Geräte seit einigen Jahren produzieren, aber die neuen Thinkpads sind einfach nicht mehr das, was sie mal waren. An sich, so kann man sagen, ist die permanente Benutzung von Laptops ohne Tastatur eine unnötige Selbstbeschränkung, die einen buckeln macht und schnurstraks in die Depression führt. Und Depression ist bleierne Dunkelheit, nur manchmal blitzt ein Gewitter oder ein wüster Sturm durch die Fenster dieses Gefängnisses. Eine Depression ist kurzum das Gegenteil vom klaren, ruhigen Lauern. 

Um weiter Linux nutzen zu können und trotzdem nicht depressiv zu sein, habe ich nun zwei wichtige Komponenten wieder in Betrieb genommen.

Zum einen meine externe Festplatte. Es ist einfach ein anderes Lauern, wenn man die Bilder aller vergangenen Jahre zur Verfügung hat und nicht nur jene vier, die man sich seit dem letzten Formatieren des Rechners gespeichert hat. Eine absolute Verarmung der Kommunikation, wenn man sich nur mit vier Bildern ausdrücken kann. Um emotional sensibel lauern zu können, sind viele Ausdrücke notwendig und am besten greift man auf möglichst viele Jahre seiner Biografie zurück. Das ist Identität.

Zum anderen habe ich mein daskeyboard - das Keyboard bzw. die Tastatur heißt wirklich so - aus dem Schrank genommen und es funktioniert tadellos. Ich hatte es mir vor einigen Jahren bestellt, dann aber den Mut verloren. Denn Oh Schreck! Das Keyboard hat keine Buchstaben. Aus Coolnessgründen hatte ich mir nämlich eines ohne Aufschrift bestellt, dann aber den Mut verloren. Diagnose kurzfristige Meinungsänderung, auch das – kein ruhiges Lauern. 

Auch während meiner Tätigkeit in einem erfolgreichen Startup war es mir nicht möglich gewesen, es adäquat zu benutzen. Ein Zeichen dafür, wie verdummt ich war. Mutlos, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Keine Ziele, kein Überblick über das Keyboard. Doof bleibt doof, selber schuld. 

Derlei Probleme sind nun aus der Welt geschafft. Hatte ich noch den Kauf eines Eddings einige Tage aufgeschoben und diesen dann am vergangenen Wochenende endlich vollzogen, so musste ich am Ende einsehen, dass die Buchstaben irrelevant sind. Der Edding vermochte die schwarzen Tasten nicht zu bezeichnen, ein Zeichen! Ein Zeichen, dass die Qualität einer Lauerstation nicht vom Betriebssystem, kaum von der Stärke des Prozessors und des Arbeitssspeichers, sondern zum großen Teil von der Peripherie und vom Benutzer selbst abhängt. 

Es geht um das Betriebssystem in dir selbst. Du musst wissen, wo die richtigen Buchstaben sind, denn du hast sie schon hunderttausendmal gedrückt. Habe den Mut, sie auch ohne Hilfsmittel bedienen zu können. Dies ist das ruhige Lauern. Meine Lauerstation ist vollendet. 

 

Rechner mit Tastatur und Maus auf einem unordentlichen aber sympathischen Schreibtisch


 

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