Die armen Bäume

Die FAZ (konkret die FAS) hat ein Interview mit Deutschlands Klassenkasper Jan Böhmermann geführt, „alberne Fotos zwischen Topfpflanzen“ gemacht und das dann nicht gedruckt. Nun beschwert sich der Fernseh-Entertainer, den man nicht anders als einen farblosen Abklatsch von Harald Schmidt bezeichnen kann, dass das Interview nicht gedruckt wurde. Es wirkt wie eine epische Trollaktion zur Promotion seines Buches, kann aber auch Kennzeichen des beginnenden Wahnsinns sein. 

Es gibt übrigens ein besseres Buch mit demselben Konzept als das nun bei Twitter diskutierte. Sein Titel ist "1 mann kommt rein". Es ist schon vor Jahren erschienen und beschreibt in Form von Tweets das Leben des fiktiven Autors Lariser Fintrop in einer Wiener Trafik (österreichisch für Kiosk, Tabakladen). 

Tweets in ein Buch drucken. Das hat Böhmermann nun auch gemacht. Internet ausdrucken, wie innovativ. Einen tollen Begriff der Netzbewegung, den du da für deine Aufmerksamkeitssucht privatisiert hast. Wie der Klassensprecher in Interviews wissen lässt, könne man an seinen Tweets erkennen, wie sich Deutschland die letzten Jahre verändert habe. Auslassungen zur Struktur Twitters, in etwa auf dem Reflexionsniveau der Netzbewegung im Jahr 2010, ergänzen den Blödsinn, der sich fast nahtlos an die „Theorien“ von Sascha Lobo und anderen Vertretern der Twitterfeuilletonkultur anschließt. 

So dann auch in dem Interview mit der FAZ. Böhmermann inszeniert sich als Retter der Demokratie, die durch jene, die ihm bei Twitter Widerworte geben, bedroht sei. Als jemand, der schon zweimal von Böhmermann geblockt wurde, vermag ich dies zu widerlegen. 

Böhmermann ist unpolitisch

Böhmermann ist schlichtweg unpolitisch. Unpolitisch wie seine Crowd, die meint, dass Twitter und die reale Welt sich wie Schablonen übereinander legen lassen. Unpolitisch, indem er glaubt, dass das Herausreißen von Politik-Versatzstücken wie Abstimmungsergebnissen im Bundestag Transparenz ist. Böhmermann ist die personifizierte Piratenpartei. Schade, dass er nicht bemerkt hat, dass dieses Schiff schon vor Jahren untergegangen ist. 

Böhmermann will wie Harald Schmidt sein, doch ihm fehlt der katholische Hintersinn. Er ist ein kalter, bösartiger, vielleicht narzisstischer Entertainer ohne Herz, wie Julian Dörr schon vor Jahren in der SZ abschließend analysiert hat. Er tut so, als ginge es ihm um die Demokratie, doch es geht ihm nur um sich. Er hat sich perfekt an den Twitter-Zeitgeist angepasst. In anderen Systemen würde er auch oben schwimmen – mithilfe anderer Meinungen. 

Ihm ist nichts heilig, vor allem Hegel nicht. Das passt. Böhmermann braucht keine Wahrheit, kein Absolutes, keinen Geist, um seiner schändlichen Arbeit nachzugehen. Er ist wie eine Nacktschnecke, die heute hier und morgen da am Aas weidet. Gerade ist Hegeljahr, 250. Geburtstag des Philosophen, daher fällt Böhmermann dieses Schlagwort ins Kleinhirn. Sein automatisch arbeitender Kleinhirnkurzzeitspeicher, den er als Abbild seiner Twitter-Realität bezeichnet, hat Hegel eingegeben bekommen, denn Jürgen Kaube, der für das Feuilleton zuständige Herausgeber der FAZ, hat gerade ein Buch über Hegel geschrieben. Weil Böhmermann nichts heilig ist und er nur trollen will, hat er in dem FAZ-Interview mehrmals zusammenhanglos Hegel referenziert. Wie das „Känguru“, das berühmte Zitate neu zuordnet, nur in unwitzig, weil man über Hegel gerade dieser Tage viel lernen könnte, wenn man denn nur lesen würde. 

Das scheint der Fernsehmann Böhmermann jedoch nicht zu tun. Er liest nicht die NZZ, er liest schon gar nicht Hegel, er liest keine Gedichte und keine Literatur – denn sonst käme er nicht auf die Idee, Twitter als „Literatur“ zu bezeichnen – sondern sitzt Tag und Nacht vor der Glotze und schaut seine eigene Sendung. Und er twittert und blockt. Und reimt sich daraus seine eigene Internettheorie zusammen. 

Die Shitstorms sind Ausdruck der Modernisierungskonflikte

Politologisch unfundiert sind auch die Aussagen zur Cancel Culture. Der Streit im Internet ist tatsächlich eine Abbildung. Nämlich von Modernisierungskonflikten. Black Lives Matter, Aufschrei, die Rechtspopulisten, all diese Shitstorms sind Ausdrücke der Modernisierungskonflikte, mit denen unsere Gesellschaft zurzeit zu kämpfen hat. Es wird nicht primär um Geld gestritten, sondern um Anerkennung. Am Ende geht es aber natürlich schon um materialistische Fragen. Die Frauen und die Migranten wollen ihren Platz auf dem Arbeitsmarkt erhalten, der ihnen früher verwehrt war. Hier hat sich schon viel geändert, in den Redaktionsstuben, in den IT-Klitschen und im Öffentlichen Dienst. Die so genannten alten weißen Männer glauben, dass die Neuen nicht so hart wie sie sind, dass sie aufgrund von Quoten an ihre Plätze gekommen sind. Und es gibt Streit um Zuwanderung, der eher in der Unterschicht spürbar ist. Soll sich Deutschland lieber um den „White Trash“ kümmern, diese Leute teuer qualifizieren, oder lieber qualifizierte Leute aus dem Ausland hereinlassen? Das sind harte Kämpfe, die auch über Lebensglück entscheiden – und es ist klar, dass es hier Streit gibt. Jemand wie Böhmermann, der die Leiden der anderen Seite konsequent ausblendet, ist der falsche Mann, um einen solchen Streit sinnvoll zu analysieren. Hinzu kommt, dass es nicht zielführend ist, wenn ein Unpolitischer versucht, politischen Streit bei Twitter zu erklären.

Böhmermann versteht Identität und Persönlichkeit bei Twitter nicht, behauptet, dass sein Twitteraccount ein Abziehbild seiner Person sei. Wenn schon solche Dummheiten über die menschliche Psyche, die an Frank Schirrmacher im Endstadium erinnern, die FAZ nicht getrollt haben sollten, dann mögen es Dummheiten über die Cancel Culture gewesen sein. 

Es gebe keine Cancel Culture, sagt Böhmermann. Eine Behauptung, die auch Sascha Lobo erhebt. Da kann man nur noch zu sagen: Na, Jungs, noch nie in der linken Szene aktiv gewesen, was? 

Die Cancel Culture, die sie meinen

Natürlich gibt es Accounts, die verletzend, egoistisch, an kleinsten Teilaspekten diskutieren. Wie Borderliner. Übergriffig, manipulierend, kann man eigentlich nur blocken, wenn man sie nicht als Forschungsobjekte nutzen will. Doch selbst mir als Trollforscherin wird das trotzdem manchmal zu persönlich mit den schillernd-dissoziierten Accounts, die mit ihrem Pronomen ausgezeichnet sind und schnell ausrasten. Da ist schon eine unangenehme Kultur im Netz und das kann benannt werden, obwohl natürlich der Satz „Wem es in der Küche zu heiß ist, der soll nicht kochen“ weiterhin gilt. Und ich behaupte, diese Paranoia, diese Gestörtheit, das sind Aspekte, die wir auch in der linksradikalen Szene finden. Dies ist die Cancel Culture, von der die Konservativen sprechen. 

Das gesamte Interview hat Böhmermann nun bei Twitter veröffentlicht. Er ist so mächtig, dass er genug Geld hat, die nun hoffentlich folgende Rechnung, die der Verlag oder das Justiziat der FAZ ausstellen wird, zu bezahlen. Jeder kann bei Twitter sehen, wie sich Böhmermann gegenüber der FAZ desavouiert. Eine unpolitische, an materialistischen Fragen anscheinend nicht interessierte, egozentrische Person. Mir wären seine „Gedanken“ auch zu schade gewesen, sie auf Papier zu drucken. 

Die armen Bäume.




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